„Blinde Liebe“: „Der Brexit trifft zuerst die Arbeiterklasse“

„Blinde Liebe“ : „Der Brexit trifft zuerst die Arbeiterklasse“

Der britische Schriftsteller Willam Boyd prognostiziert ein böses Erwachsen für die Engländer.

Musik und obsessive Zuneigung, darum geht es in William Boyds neuem Roman „Blinde Liebe“. Brodie Moncur, ein Klavierstimmer, arbeitet in Paris und verliebt sich in Lika Blum, eine russische Sopranistin. Doch der junge Schotte ist nicht nur verliebt, er ist entrückt. „Bei dieser obsessiven Liebe wird das geordnete Leben vollkommen irrational. Wenn wir Glück haben, passiert uns allen das mal von Zeit zu Zeit.“

Setting dieser Liebe auf den ersten Blick ist das Europa des Fin de Siècle: In mondänen Städten wie Triest, Paris und St. Petersburg bekommt Brodie Zugang zu intellektuellen Kreisen. Die faszinieren auch Boyd, der die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert als moderne Zeit wahrnimmt und sie deshalb als Hintergrund wählte. „In London gab es sieben Mal pro Tag Post. Das ist fast wie E-Mail.“

Apropos London: Was sagt eigentlich ein dort lebender Schriftsteller schottischer Eltern zum Brexit? „Lassen sie mich nicht anfangen!“, warnt der 67-Jährige zunächst, legt dann aber trotzdem los. Eine „nutzlose Bande“, nennt er die politische Klasse in Großbritannien. Schon als sich der Brexit abzeichnete, wurde William Boyd nach seiner Meinung gefragt. „Am Anfang dachte ich: Warum fragen die mich? Ich bin kein „political animal“. Seitdem hat er für mehrere europäische Zeitungen Gastbeiträge geschrieben und findet deutliche Worte für die aktuelle Situation: „Ich finde, dass das eine totale Katastrophe ist, ein Desaster. Und ich schäme mich für unsere politische Klasse.“ Wer die derzeitige Unordnung zu verantworten hat, ist für ihn klar: „David Cameron trifft die Schuld. Das Ganze ist ein Fraktionskrieg innerhalb der konservativen Partei.“ Doch nicht genug, dass er das Referendum verlor und seinen Hut nahm. „Dann bekamen wir diese vollkommen inkompetente Person Theresa May, die eine Reihe erschreckend schlechter Entscheidungen getroffen hat.“

Doch wie konnte es zu einem solchen Fiasko kommen? „Wegen all dieser Intrigen von Parlamentsmitgliedern, die schon immer Europa gehasst haben“, sagt Boyd. Hierzu gehören vor allem die „kleinen Engländer“. So werden spöttisch die „irrsinnigen“ Träumer bezeichnet, die sich in die Zeiten des glorreichen Empire zurücksehnen. Sie bildeten eine „merkwürdige“ Allianz mit der bedrängten Arbeiterklasse, die sich ignoriert und abgehängt fühlt. Zum Sündenbock erklärten sie Europa. Doch gerade für die Arbeiterklasse wird es ein böses Erwachen geben, glaubt Boyd. Die Folgen des Brexit werden nicht die „bourgeoisen Engländer in ihren hübschen Häusern“ treffen, sondern die Menschen in Nord- und Mittel-England, die ihren Arbeitsplatz verlieren, wenn die Autohersteller ihre Fabriken schließen.

Doch Boyd glaubt, dass die Menschen langsam erkennen, dass sie von falschen Versprechungen verleitet wurden. Doch der ehemalige Oxford-Dozent ist sich seiner eigenen Blase durchaus bewusst: „Aber was weiß ich schon? Ich leben in London, wo jeder in der EU bleiben will.“ Er selbst ist bekennender Europäer und kann sich nicht vorstellen, warum man aus der EU ausscheren möchte. „Ich denke jeder, der nach den 1970er geboren ist, fühlt sich europäisch, ob er es weiß oder nicht. Sie alle haben eine gemeinsame Kultur und Geschichte. Und plötzlich haben wir dieses unnatürliche Schisma. Es ist deprimierend.“

Lange Zeit vertraute Boyd auf einen Kompromiss. „Wir Briten sind gut darin, Dinge zurechtzubiegen.“ Doch kurz vor einem eventuell ungeordneten Brexit ist auch Boyds Optimismus verflogen. Er hofft darauf, dass sich der gesunde Menschenverstand doch noch durchsetzen wird. Von Theresa May sei das aber auf gar keinen Fall zu erwarten.

Info William Boyd: „Blinde Liebe: Die Verzückung des Brodie Moncur“,
Kampa, 512 S., 24 Euro.

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