Rio De Janeiro: Der Architekt der geschwungenen Form

Rio De Janeiro : Der Architekt der geschwungenen Form

Oscar Niemeyer, der über 600 Bauten entwarf, ist jetzt im Alter von 104 Jahren in Rio de Janeiro gestorben.

"Ich kann nicht stillsitzen, ich bin neugierig, ich will wissen." Wenn ein Mann, der die Hundert überschritten hat, so etwas über sich selbst sagt, kommt die Frage nach dem Geheimnis des gesunden Alterns gar nicht erst auf. Zum Neunzigsten, zum Fünfundneunzigsten, zum Hundertsten – immer wieder war in Würdigungen zu lesen, der brasilianische Architekt fahre weiterhin jeden Tag zur Arbeit, mache unermüdlich neue Entwürfe, rauche dazu viele Zigarillos, trinke Unmengen Kaffee. Mit 99 Jahren hat er zum zweiten Mal geheiratet – seine 38 Jahre jüngere Sekretärin Vera Lúcia. Auf den Zeichentischen seines Büros lagen zuletzt noch Projekte wie eine Kathedrale im brasilianischen Belo Horizonte und eine Bibliothek in Foz des Iguacu. Nun ist der Wegbereiter der brasilianischen Moderne kurz vor seinem 105. Geburtstag gestorben.

Oscar Ribeiro de Almeida Niemeyer Soares Filho wurde am 15. Dezember 1907 in Rio de Janeiro als Sohn eines deutschstämmigen Kaufmanns geboren. Er war eines von sechs Kindern. Von 1929 bis 1934 studierte er an der Escola Nacional de Belas Artes in Rio Architektur. Nach seinem Abschluss begann er im Büro von Lucio Costa zu arbeiten, dem seinerzeit bekanntesten Verfechter moderner Architektur in Brasilien. Costa war – ähnlich wie Le Corbusier – zunächst prägendes Vorbild, später dann enger Projektpartner Niemeyers. Gemeinsam mit Le Corbusier bauten Costa und Niemeyer zwischen 1937 und 1943 das Ministerium für Erziehung und Gesundheit in der damaligen Hauptstadt Rio. 1939 planten Costa und Niemeyer den brasilianischen Pavillon für die Weltausstellung in New York. Das 1952 vollendete Gebäudeensemble der Vereinten Nationen in New York mit der unvergleichlich eleganten Hochhausscheibe am East River ist ebenfalls ein Gemeinschaftswerk von Le Corbusier und Oscar Niemeyer.

1953 fand die internationale Kunstbiennale in São Paulo erstmals in Niemeyers Biennale-Pavillon statt. Danach erhielt er den wichtigsten Auftrag seines Lebens: Er wurde zum Chefarchitekten der neugegründeten Hauptstadt Brasilia berufen. Costa gewann den städtebaulichen Wettbewerb, Niemeyer entwarf alle öffentlichen Gebäude. Es entstand eine Hauptstadt vom Reißbrett, auf einer Hochebene mitten im Nichts. Die Stadtgestalt basiert auf der Grundrissform eines Flugzeugs mit einer linearen und einer gekrümmten Achse. Markantester Punkt ist der Platz der drei Gewalten, auf dem der Nationalkongress mit kuppelförmigem Senatssaal, schalenförmigem Abgeordnetensaal und zwei schlanken Verwaltungshochhäusern steht.

Getrieben war Oscar Niemeyer zeit seines Lebens nicht nur von der Suche nach Schönheit, sondern auch vom Kampf um Gerechtigkeit und dem idealistischen Streben nach einer besseren Welt. "Das Leben ist wichtiger als Architektur", sagte der überzeugte Marxist. Die Architektur könne der Welt jedoch "einen humaneren Sinn" geben. Nach der Machtergreifung des Militärs in Brasilien erhielt er als Mitglied der Kommunistischen Partei 1964 Berufsverbot, wurde mehrfach verhaftet und ging schließlich freiwillig ins Exil nach Europa.

Erst 1982 kehrte er in sein Heimatland zurück, wo er sogleich das Bauen wieder aufnahm. Bis 1984 entstanden unter anderem ein Indianer-Museum in Brasilia, Denkmäler für den früheren Präsidenten Kubitschek sowie Folteropfer lateinamerikanischer Diktaturen und das "Sambódromo" für den Karneval in Rio. 1996 wurde das an ein Ufo erinnernde Museum für zeitgenössische Kunst in Niterói eröffnet, 2002 ein weiteres Museum in Curitiba, 2004 und 2005 entstanden nach seinen Plänen eine Konzerthalle und ein Auditorium in São Paulo. Das Werkverzeichnis des Architekten umfasst mehr als 600 Bauten. In Deutschland konnte er nur ein Projekt verwirklichen: ein Wohnhaus für die Internationale Bauausstellung IBA 1957 im Berliner Hansaviertel.

Mit dem Pritzker-Preis, den er sich 1988 mit Gordon Bunshaft teilte, und dem Praemium Imperiale im Jahr 2003 erhielt Niemeyer neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen die beiden angesehensten und höchstdotierten Preise der Welt. Ehrungen für einen Architekten, dem es stets um Sinnlichkeit ging, um die Einmaligkeit jedes Ortes und jede räumlichen Erfahrung. Sein Hauptantrieb beim Bauen sei es, Dinge "anders" zu machen, hat der Brasilianer gesagt. "Ich will, dass die Leute stehen bleiben und überrascht sind, was sie sehen."

(RP)
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