Debatte um den Provokateur Peter Handke

Literaturnobelpreis : Der Provokateur Handke

Am 10. Dezember wird der 76-jährige Österreicher mit dem Literaturnobelpreis geehrt. Politisch steht er immer stärker in der Kritik.

So viel und so intensiv ist vielleicht kein zweites Mal über einen Literaturnobelpreisträger diskutiert und gestritten worden wie diesmal. Aber nicht nur, ob Peter Handke nun literarisch preiswürdig ist (denn darüber wird reflexhaft bei fast jedem Nominierten gestritten); sondern diesmal auch über seine politische Integrität: Ist es opportun, einen Autor auszuzeichnen, der sich im Jugoslawien-Krieg kritiklos an die Seite Serbiens stellt und 2006 zur Beerdigung von Slobodan Miloševic reist – dem ehemaligen serbischen Präsidenten, der auch vor dem Kriegsverbrechertribunal stand und „Schlächter des Balkans“ genannt wurde? Der Autor hält dort eine Grabrede. Es sei ein Tag, so Handke damals auf Serbokroatisch, „nicht nur für starke, sondern auch für schwache Worte“. Und dann erzählt er, warum er gekommen ist: „Die sogenannte Welt weiß die Wahrheit. Deswegen ist die sogenannte Welt heute abwesend, und nicht bloß heute, und nicht bloß hier.“ Für Handke wird mit Miloševic das ehemalige Jugoslawien zu Grabe getragen, jener alte Vielvölkerstaat, den er sich als Heimat mütterlicherseits verbunden, ja, auch verpflichtet fühlt.

Das alles ist bekannt, wird aber durch die Ehrung erneut brisant. Handke erklärt erneut sein Tun, aber entschuldigt sich nicht; er reagiert auf Reporter-Nachfragen genervt, bleibt Antworten schuldig. „Kein einziges Wort“ von ihm über Jugoslawien sei „denunzierbar, sagt er der „Zeit“. Die Fragen empfindet er als demütigend, sieht sich einem Tribunal ausgesetzt.

Handke, ein Opfer? Einer der ersten Kritiker nach Bekanntgabe aus Stockholm aber war ein Autor: Saša Stanišic, der aus seiner bosnischen Heimat mit 14 Jahren vor dem Krieg in Jugoslawien fliehen musste, greift Handke in seiner Rede zum Deutschen Buchpreis an. Und Mehmet Kraja, Vorsitzender der Akademie der Wissenschaften und Künste des Kosovo, legt sogar direkt beim Nobelpreiskomitee Protest ein. Die Antwort aus Stockholm ist nichtssagend höflich: Die „Ambition bei der Auszeichnung Handkes ist die Würdigung seines außerordentlichen literarischen Werks, nicht der Person“, zitiert „Prishtina Insight“.

Für die Schriftstellerin und frühere PEN-Präsidentin Ingrid Bachér aber gilt: „Peter Handke hat sich mit Mördern solidarisiert. Und mit dem Nobelpreis wird kein einzelnes Buch, sondern ein Autor geehrt, der seinen Lesern zu denken gibt. Die Ehrung hat, indem sie das Nationale bestätigt, auch eine politische Wirkung. Stockholm folgt mit seiner Entscheidung dem gegenwärtigen Zeitstrom in Europa, der immer stärker in die nationale Richtung fließt. Das ist schade.“ Die heute 89-jährige Autorin hat den ersten Auftritt Handkes 1966 bei der Gruppe 47 erlebt. In Princeton habe er am ersten Tag „einen belanglosenText vorgelesen. Am nächsten Tag kam dann sein Angriff auf die älteren Autoren, denen er ,Beschreibunsgimpotenz’ vorwarf. Das war dann das Thema der Tages. Handke lernte daraus; er kehrte heim und schrieb das Stück Publikumsbeschimpfung“. Er habe „einen starken Willen, die Macht der Aufmerksamkeit zu bekommen und Begabung genug, um der Aufmerksamkeit mit seinem Werk gerecht zu werden“, so Bachér im Gespräch mit unserer Zeitung.

Das ist mehr als eine literaturhistorische Beobachtung aus der Anfangszeit. Denn nach Bachérs Worten weiß Handke von sich selber, dass er im Grunde ein schüchterner Mensch ist, der die Wirklichkeit nur durch Fiktion erträgt. Er habe „für sich die Rolle des Empfindsamen gefunden, der sich mit Hilfe der Provokation durchsetzt“. Dazu gehört dann auch sein Serbien-Engagement, so die Schriftstellerin: „In seinen Berichten aus Serbien mutet er sich die Opfer nicht zu. Ihn interessieren auch die serbischen Opfer nicht. Er ist fasziniert von den Machthabern und begeistert sich für die ultra-nationale Idee eines Groß-Serbiens. Seine Grabrede für Miloševic und seine Parteinahme für Serbien sind nicht Verirrungen eines sentimentalen Geistes.“

Peter Handke hat seine Dankesrede zur Preisverleihung in Stockholm schon abgegeben, sagt er. Der Hauptteil soll von seinem 40 Jahre altem Theaterstück „Über die Dörfer“ handeln. Die Geschichte eines Dorfrückkehrers, der ein Erbe antreten soll. Ein Stück auch vom Verlust der Heimat.