Berlin: Das Welttheater des Max Beckmann

Berlin: Das Welttheater des Max Beckmann

Das Potsdamer Museum Barberini feiert den von den Nazis verfemten Maler. Das noch junge Haus erweist sich als Publikumsmagnet.

Leicht bekleidete Tänzerinnen verrenken sich lasziv. Grobschlächtige Zuhälter schleppen betrunkene Animierdamen aus dem Saal. Melancholische Nachtschwärmer blicken in den dunklen Abgrund der Nacht. Feist grinsende Schausteller, Karnevalskostüme, pittoreske Masken. Königliche Mimen rammen sich ein Messer in die mit Theaterblut verschmierte Brust. Seiltänzer balancieren durch die Zirkuskuppel. Schauspielerinnen schminken sich die grell gepuderten Gesichter, schlüpfen in ihre Rollen, werfen sich in Szene und genießen den Applaus des Publikums.

Ob Varieté oder Tingeltangel, Bühne oder Zirkus: Die ganze Welt ist ein großes Theater, das Leben ein Spiel, laut und bunt und doch zugleich von tiefer Traurigkeit. Und der Künstler, der das alles mit triefendem Auge beobachtet, mit grobem Pinsel auf der Leinwand und mit schnellem Strich im Skizzenbuch festhält und sich immer wieder selbst in die Szenerie hineinmalt, schaut mürrisch auf die hektische Vergeblichkeit der Menschen, sich im Rollenspiel neu zu erfinden und das von Krieg und Katastrophen bedrohte Leben zu genießen: Vorhang auf zum "Welttheater" des Max Beckmann.

Der Künstler als Verfasser seines eigenen Dramas, als sein eigener Theaterdirektor, Regisseur und Kulissenschieber, der sich in wechselnder Kostümierung unter die Schauspieler mischt: Max Beckmann, geboren 1884 in Leipzig und 1950 am Rande des Central Park in New York an einem Herzinfarkt gestorben, hat unzählige Werke über das Rollenspiel als Modell menschlicher Grunderfahrung geschaffen. Die Ausstellung "Welttheater" umkreist und untersucht jetzt im Potsdamer Museum Barberini dieses zentrale Thema im Schaffen des Künstlers mit 112 Werken. Es ist eine Schau mit Leihgaben aus aller Welt. Museen aus London und New York, Dresden und Düsseldorf sowie viele ungenannte Privatsammler haben dazu kostbare Werke beigesteuert.

Das "Selbstbildnis" (von 1930), auf dem Beckmann sich als Saxofon-Spieler stilisiert, ist genauso dabei wie sein mystisch verklärtes Triptychon "Schauspieler" (von 1941/42) und seine "Argonauten" (1950), die er nur wenige Tage vor seinem plötzlichen Tod vollendete, und auf dem musizierende Pin-up-Girls und nackte Jünglinge unter den Augen des malenden Voyeurs zwischen griechischer Sagenwelt und moderner Lustbarkeit hin und her pendeln.

Für Beckmann, der vor den Nazis nach Amsterdam flüchtete und später in Amerika eine neue Heimat fand, war das Leben ein Balanceakt und Seiltanz; der Mensch ein Narr und Clown, der sich vergeblich gegen die Verrücktheit und Sinnlosigkeit der Welt stemmen muss. Die Kunst war der irrlichternde Versuch, im bizarren Rollenspiel gegen Schicksalhaftigkeit und Ausgeliefertsein aufzubegehren und als Zuschauer und Chronist des alltäglichen Irrsinns das Welttheater, wenn schon nicht zu verändern, dann doch wenigstens zu durchleuchten und zu dokumentieren.

Die nach Themenkreisen sortierte Ausstellung wirft Schlaglichter auf Maskerade und Rollenspiel und auf das Selbstverständnis eines Künstlers, der sich fasziniert unters fahrende Volk mischt, den Schauspielern hinter den Vorhang folgt und das gierig nach Lust und Liebe lechzende Publikum kritisch ins Visier nimmt. Auch wenn die monothematisch arg begrenzte Schau auf Dauer etwas ermüdend und eintönig wirkt und uns keinen wirklich neuen Beckmann präsentiert, zeigt sie doch erstmals einen bedeutenden Ausschnitt und liefert wichtige Interpretationsansätze für sein Gesamtwerk.

Seit das von SAP-Software-Multimillionär und Kunstmäzen Hasso Plattner gegründete und finanzierte Museum Barberini vor einem Jahr seine Pforten öffnete, ist auch in Potsdam das Phänomen der Kulturschlange alltäglich zu besichtigen. Manche Kunst, so will man meinen, lebt auch von ihren Mäzenen und deren Glanz in der Gesellschaft. Ob Plattner im prachtvoll wieder aufgebauten Barock-Palais seine eigene Sammlung der französischen Impressionisten ("Die Kunst der Landschaft") präsentiert, der vernachlässigten DDR-Kunst eine Plattform gibt ("Hinter der Maske") oder mit Dennis Hopper und Mark Rothko "Amerikas Weg in die Moderne" weiträumig abschreitet: Immer erweisen sich die Ausstellungen als Publikumsmagneten.

Für gewöhnlich müssen die Besucher viel Wartezeit mitbringen, um die zwar nicht besonders innovativen oder gewagten, gleichwohl schön arrangierten und auf den künstlerischen Mainstream zielenden Ausstellungen genießen zu können. Das gilt natürlich auch für das "Welttheater" des Max Beckmann. Kaum ist die Schau unter beträchtlichem Medienrummel eröffnet, zeigt sich: Der Run auf das Potsdamer Haus ist enorm.

Wer mehr Ruhe beim Betrachten von Bildern mag, dem sei die parallel zu Beckmann im Barberini gezeigte Schau "Menschen und Landschaften" ans Herz gelegt. Sie gratuliert dem Maler Klaus Fußmann zum 80. Geburtstag und gibt mit 39 Gemälden einen schönen Einblick in sein zwar umfangreiches, aber eher selten gezeigtes Schaffen. Aus seinem kargen Atelier schaut er in die Ferne und sieht seltsam unförmige Gestalten: Ein moderner Ikarus fällt brennend vom Himmel, ein düsterer Bauer gräbt sich durch den fetten Acker. Die oft großflächigen, manchmal mit wulstigen, fast schleimigen Farbhügeln versehenen Bilder gleichen märchenhaften Zeitsprüngen und mythologischen Irrfahrten. Außen und Innen verbinden sich zu einem durchlässigen Raum in einer rätselhaften Landschaft. Der Mensch: ganz nah und doch so fern.

(RP)