Das Liederprojekt des Carus-Verlag mit Jonas Kaufmann

Großartige Edition : Sängerstars fürs Volkslied

Von wegen Sangesfrust: Das „Liederprojekt“ des Carus-Verlags hat zehn Jahre lange bedeutende Künstler eingespannt.

Es war zu Kandern im Südschwarzwald – wir erlebten den WM-Sommer 1970 –, als der damals achtjährige Autor dieser Zeilen bei einer katholischen Sommerfreizeit seine erste Mao-Bibel in die Hand bekam. Es handelte sich bei dem Büchlein mit rotem Kunststoffeinband um ein strapazierfähiges Brevier mit Wissenswertem, dringend zu Lernendem.

Bei manchem Text empfahl es sich gar, ihn auswendig drauf zu haben. Zum Bimsen mussten wir nicht getriezt werden: Jeden Abend saßen wir im traulichen Rund am Lagerfeuer und sangen – mit hochgestimmtem Herzen und weit vor dem Stimmbruch – von Bolle auf seinem Weg nach Pankow, von rauschenden Wildgänsen, vom Mann, der sich Kolumbus nannte, und von der Wissenschaft, die wieder was festgestellt hat. Nach drei Wochen täglichen Singens waren wir in den Texten des Büchleins sattelfest.

Unsere Mao-Bibel – so nannten wir damals die „Mundorgel“, jenen unverwüstlichen Melodienspender von der Größe einer Geldbörse, der uns, sehr eng gedruckt, auch die sechste Strophe vom schönen Zylinderhut problemlos über den Mund gehen ließ. In der „Mundorgel“ stand und steht noch heute alles, was man braucht fürs singende Leben in Gemeinschaft.

Jene famosen Zeiten, da sich Halbwüchsige in Liedern vereinten und das Gemüt und die Harmonie durchs Singen beseelten, sind vorbei. Heute beherrscht diese Lieder nur noch, wer sie einmal wirklich gelernt, sich eingetrichtert hat durch regen Gebrauch. Vorbilder hat unsere Gesellschaft genug: Selbst älteste Demenzkranke können Lieder oft mit allen Strophen auswendig, weil sie alles, was sie in Kindertagen memorieren mussten, auf der Festplatte ihres Gedächtnisses verlustfrei gespeichert haben. Bei der Jugend sieht das anders aus.

In diese Bresche stieß vor zehn Jahren mit viel Schwung und noch mehr Intelligenz der Stuttgarter Carus-Verlag vor. Angeregt von dem Sänger Cornelius Hauptmann, entwickelten die Planer ein umfassendes Liederprojekt, das sich auch zu den Krippen begab, etwa in Form von Wiegen- oder Weihnachtsliedern. Zum Jubiläum ist nun eine Fest-Edition erschienen, die in jedem Haushalt griffbereit sein müsste – auch deshalb, weil die besten Sänger zwischen Elbe, Inn und Rhein bei diesem Projekt mitwirken.

Auf der neuen Zwei-CD-Box „Die schönsten Lieder“ begegnen wir zum Beispiel dem aktuellen deutschsprachigen Lieblingstenor Jonas Kaufmann, der „Die Gedanken sind frei“ mit hochliberalem Tatendurst sättigt. Sein Kollege Dietrich Henschel kümmert sich mit sattgrünem Bariton um den „Jäger aus Kurpfalz“, Christian Gerhaher stimmt mit fast religiöser Erhabenheit „Nun ruhen alle Wälder“ an. Franz-Josef Selig verleiht seinen Prachtbass an die Frage „Wer hat die schönsten Schäfchen?“. Annette Dasch haucht mit dem Publikum „Guten Abend, gute Nacht“ (hach, wie schön!), und Sabine Devieilhe schäkert frei nach Mozart „Leck mich im Arsch“, wobei im Hintergrund, während sich Devieilhe ans Firmament der Koloraturen begibt, die Fugenpracht der „Jupiter-Sinfonie“ aufleuchtet – ein wundervolles Arrangement. Ganz innig dagegen wispern Nuria Rial und Philippe Jaroussky in „Pur ti miro“.

Ja, es geht kreuz und quer durch die Rabatten der Liedkunst. Das Ausland darf aber natürlich nicht fehlen. Dorothee Mields versenkt sich wonnevoll in „Sweeter than roses“ und bettet ihre Stimme auf „Greensleeves“, und das bravouröse Frauenensemble „Sjaella“ versorgt „Blackbird von McCartney/Lennon. Die Kinder vom Kleistpark bitten um „Shalom chaverim“.

Das ist mit insgesamt 53 Liedern von vielen Kontinenten auf zwei CD derart beeindruckend, dass es einen umhaut. Aus jedem Lied wird Kunst, ein völlig eigener kleiner Kosmos, unverwechselbar und freisinnig.

Dabei hat es das deutsche Volkslied in jüngerer Zeit schwer gehabt. Franz Josef Degenhardt hat den Grund dafür einmal überaus bündig auf den Punkt gereimt: „Tot sind unsre Lieder, / Unsre alten Lieder. / Lehrer haben sie zerbissen, / Kurzbehoste sie verklampft, / Braune Horden totgeschrien, / Stiefel in den Dreck gestampft.“ Jetzt erheben sie sich wie Phönix aus dem Staub.

Dabei hilft auch die separate Jubiläums-CD-Ausgabe von Volksliedern, für die sich zwei komplett verschiedene Ensemble getroffen haben: der Knabenchor Hannover und das Blechbläserquintett von Canadian Brass. Beide reisen in Arrangements von Andreas Tarkman auf einer Allee der Lieder, die gesäumt ist von uralt-knorrigen Weisen wie „Kein schöner Land“ oder „Nun will der Lenz uns grüßen“.

Wer sich nicht vorsingen lassen, sondern selbst die Stimmbänder in Vibration bringen möchte, bekommt ebenfalls im Rahmen der Jubiläums-Edition den 246 Seiten dicken Prachtband, sozusagen die Luxusversion der „Mundorgel“. Hier ist in Großdruck, der Augenkranken entgegen kommt, alles in Themenkomplexen gebündelt: die vier Jahreszeiten, Liebe und Abschied, Freude und Leben, Morgen und Abend, Advent und Weihnachten. Eine Mitsing-CD ergänzt den schmucken Band.

Jetzt nur noch: Mund auf!

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