Das letzte Album von Phil Collins

Das letzte Album von Phil Collins

Der große Verallgemeiner des Pop setzt sich zur Ruhe: Heute veröffentlicht Phil Collins eine Sammlung von Coverversionen alter Soul-Songs. Ein weiteres Album will er nicht mehr einspielen. Damit endet die Karriere eines immens erfolgreichen und doch verkannten Rockstars.

Und wenn irgendjemand noch mal sagt, Phil Collins sei ein langweiliger Kerl, weil er ja nur Lieder gemacht habe, die sie im Radio in der Halbzeitpause der Fußballübertragungen am Samstagnachmittag spielen, dann sollte man ihn packen und zum Computer zerren und im Internet nach dieser Szene aus der US-Serie "Miami Vice" suchen. Es ist Nacht, Mitte der 80er Jahre, und die beiden Ermittler Crockett und Tubbs rauschen in einem unwiderstehlichen schwarzen Cabrio über den Asphalt.

"In The Air Tonight" liegt über den Bildern, Phil Collins' erste Solo-Single von 1981. Das Auto ist lang, und es glänzt, es gleitet, es fliegt. Crockett hat ein paar Probleme, aber Tubbs ist da, sein Kollege und Kumpel, und die Fahrt ist ein Trost. Dann setzt der irre Trommelwirbel ein, der berühmteste von Phil Collins, sein bester, und Tubbs schaut Crockett an. Tubbs hat die Ärmel seines pastellfarbenen Blousons aufgekrempelt, und er ahnt, was der Freund braucht, deshalb tritt er das Gaspedal durch. Das Auto ist so verdammt schnell, die Kamera hält auf die Felgen, und Phil Collins singt, seine Stimme ist vor Erregung verzerrt: "Ich habe mein Leben lang auf diesen Moment gewartet". Man kann den Film nun anhalten, es ist alles gesagt, der letzte Spötter wird anerkennen: Das war Phil Collins.

Sicher, es ist nicht immer leicht mit ihm – man denke an kaum erträgliche Lieder wie "Another Day in Paradise" und "One More Night". Auch das heute erscheinende neue Album "Going Back" ist keine Platte, auf die man acht Jahre gewartet hätte. So lange liegt die letzte Veröffentlichung des heute 59-Jährigen zurück. "Testify" kam nicht gut an, und eine englische Zeitung schrieb in ihrer Besprechung: "Phil Collins hat noch nicht gemerkt, dass wir seiner überdrüssig sind." Das ist hart und ungerecht, aber es wies voraus auf die schwierige Zeit, die folgte. Collins ließ sich von seiner dritten Frau scheiden. Ein Virus beschädigte sein Gehör, auf dem rechten Ohr ist er fast taub. Ein eingeklemmter Nerv ließ Finger seiner linken Hand steif werden. Der Linkshänder, der mit fünf Jahren das erste Schlagzeug geschenkt bekam, kann nicht mehr trommeln. In seiner Verzweiflung fixierte er bei den Aufnahmen zur aktuellen Platte die Drumsticks mit Klebeband an den Handgelenken.

"Going Back" versammelt Soul-Hits aus den 60er Jahren. Collins covert seine Lieblingslieder von Motown-Künstlern wie Marvin Gaye, den Temptations und Stevie Wonder. Das ist handwerklich brilliant, eine perfekte Produktion. Aber Collins' metallische Stimme passt nicht zu allen Arrangements. "Papa Was A Rolling Stone" braucht eine Samtstimme, Galanterie, Verlockung. "Never Dreamed You'd Leave in Summer" klingt verkopft, obwohl das ein Lied ist, das unbedingt von tief unten aus der Seele kommen sollte. Trotzdem ist der Hörer berührt von dieser Musik.

Das liegt zum einen daran, dass der Songkatalog des Soul-Labels Motown so unverwüstlich ist wie der der Beatles. Zum anderen daran, dass die Platte am Ende einer großartigen Karriere steht. Collins will sich in den Ruhestand verabschieden, das hat er mehrfach beteuert. Er sah nicht gut aus dabei, angegriffen und durchscheinend, nicht mehr rastlos, kraftstrotzend und getrieben wie 1985, als er beim Live-Aid-Konzert dank der Concorde an einem Tag in London und Philadelphia auftrat. Er will nun daheim in seiner Villa am Genfer See mit seiner gigantischen Eisenbahn spielen. Er wird sich in die Fachliteratur zur Schlacht von Alamo vertiefen, seinem anderen Hobby.

Es gibt wenige Stars von diesem Kaliber, die so belächelt werden wie er. 100 Millionen Alben verkaufte Collins alleine, 150 Millionen mit der Band Genesis. 1970 wurde er deren Drummer. Er arbeitete an den mächtigen LPs "Selling England By The Pound" ('73) und "The Lamb Lies Down On Broadway" ('74) mit. Dann verließ Sänger Peter Gabriel die Band, und mit Collins am Mikro wandelte sich Genesis von Rock-Avantgardisten zu Hit-Fabrikanten. Das nahmen ihm viele übel. Er wurde so etwas wie der Patenonkel im Geiste von U2-Sänger Bono: dagegen, allzu gerecht, kratzbürstig, selbstgewiss, aber im Grunde ein feiner Kerl. Zur Selbstironie neigte er nur, wenn er besonders professionell wirken wollte.

Seine große Zeit waren die 80er Jahre. Im Schluffi-Outfit mit Turnschuhen, T-Shirt und Sakko drüber sang er allgegenwärtige Songs: "You Can't Hurry Love", "Don't Lose My Number", "Groovy Kind Of Love", "Two Hearts". Dazu die Hits mit Genesis: "Mama", "That's All", "Invisible Touch", "Land Of Confusion". Collins verkörperte, was es heute nicht mehr gibt: den Mainstream. Tatsächlich hat er das Talent, Stimmungen zu erzeugen, eine Melodie im richtigen Moment anheben zu lassen. Er ist ein kompositorischer Massenbeschwörer. Der große Verallgemeiner. Er fürchtet nicht den Schwulst. Er kennt den Mechanismus, mit dem man die Härchen auf den Armen der Menschen aufstellt.

Man sollte sich sein erstes Solo-Album anhören. "Face Value" steht am Anfang eines Jahrzehnts, und es birgt alles, was die folgenden Jahre ausmachte: Hingabe an den Moment, Inszenierung von Gefühlen, Pathos und Dramatik. Es ist wie jene Szene aus "Miami Vice". Schlicht. Aber wirkungsvoll.

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