Das bürgerliche Fest

Das bürgerliche Fest

Das Kapitel "Weihnachten bei den Buddenbrooks" aus dem Roman von Thomas Mann gehört zu den populärsten Beschreibungen des Fests in der Literatur. Darin ist alles enthalten, was den Heiligen Abend so besonders macht.

Das ist die schönste Darstellung des Fests in der deutschen Literatur, schon ihr Beginn raunt magisch, und er geht so: "Die Vorzeichen mehrten sich." Wie ein Märchen fängt es also an, man ahnt, dass sich Großes ereignen wird. Alsbald wacht ein Kind in seinem Bett auf, es ist der kleine Hanno. Auf seiner Decke liegt knisterndes Flittergold, der Papa streute es nachts aus, aber das weiß Hanno nicht. Als der Junge den glänzenden Staub entdeckt, ist es um ihn geschehen: Nun fühlt er "unaussprechlich stumme und zitternde Erregung". Erst nach der Bescherung in einigen Tagen wird sie sich lösen.

Man sollte diese Stelle noch einmal lesen, ihr wiederbegegnen, es lohnt sich. Auf kaum mehr als 20 Seiten schildert Thomas Mann das Weihnachtsfest in seinem Roman "Buddenbrooks", den er im Alter von 22 Jahren begann. Und doch ist alles darin, was wir mit diesem Ereignis verbinden, seit das Bürgertum das Fest vor mehr als 200 Jahren zu seinem gemacht hat: die Stille auf den Korridoren, das Drängen in der Brust, das Fieber.

Zuerst wird der Leser die Pracht genießen, die Thomas Mann ausbreitet, seine Sprache spiegelt den Glanz: "Schon war der Saal geheimnisvoll verschlossen, schon waren Marzipan und Braune Kuchen auf den Tisch gekommen, schon war es Weihnacht." Man könnte das eigene Wohnzimmer nach den Vorgaben dieses Textes dekorieren, so detailliert erzählt Thomas Mann von diesem Heiligen Abend im Jahr 1870. Die Lübecker Kaufmannsfamilie Buddenbrook schmückt den gewaltigen Tannenbaum mit Silberflittern und großen weißen Lilien, an der Spitze hängt ein schimmernder Engel, am Fuß wird ein Krippen-Arrangement ausgebreitet.

Sicher ist es zuallererst das Stimmungsvolle, das diese Episode so erfolgreich macht, man feiert beim Lesen ja geradezu mit. Der 1901 veröffentlichte und 1929 mit dem Nobelpreis geehrte Roman ist immer noch ein Bestseller, die Lesungen des Weihnachtskapitels durch Gert Westphal und Armin Mueller-Stahl werden alljährlich gesendet, und das schmale Büchlein, das dieses Kapitel wiedergibt und ihm die Rezepte der Köstlichkeiten aus der Buddenbrook-Küche an die Seite stellt, Anleitungen für Baisers also, gefüllte Pute und Mandelcreme, wurde im vergangenen Jahr 70 000 Mal verkauft.

"Thomas Mann schildert unseren Traum von Weihnachten", sagt Heinrich Breloer. Der Dokumentarist und Regisseur brachte die Filmbiografie "Die Manns" (2001) ins Fernsehen, und er adaptierte die "Buddenbrooks" (2008) für die Leinwand. Thomas Manns jüngste Tochter Elisabeth erzählte ihm, es sei tatsächlich genau so zugegangen im Hause Mann, vom "Stille Nacht" singenden Chor bis zum Vortrag aus dem Lukas-Evangelium. "Weihnachten musste schön werden", habe Elisabeth Mann gesagt, und ihr Blick deutete darauf hin, dass es stets gelang. Die Kinder sollten staunen wie der kleine Hanno, die Erwachsenen hatten am Zauber mitzuwirken, so war die Rollenverteilung. Auf dass der Abend würdig verlaufe, weihevoll sogar – wie es im Buche steht: "Singend, geblendet und dem altvertrauten Raum ganz entfremdet umschritt man einmal den Saal, defilierte an der Krippe vorbei, in der ein wächsernes Jesuskind das Kreuzeszeichen zu machen schien, und blieb dann, nachdem man Blick für die einzelnen Gegenstände bekommen hatte, verstummend an seinem Platze stehen."

Thomas Mann spart die Krisen nicht aus, auch die erlebt jede Familie an diesem Tag, man kennt das. Es gibt den Onkel Christian, der das Fest beinahe vergessen hätte und zu spät kommt, und dann geht er auch noch früh, weil er lieber in den Klub möchte. Der Chor singt schief, und Hanno isst so viel, dass er in der Nacht wach liegt: "In einem Zustand von Unwohlsein, Erregtheit, Beklommenheit, Müdigkeit und Glück lag er lange und konnte nicht einschlafen." Es ist viel Humor in diesem Text, Ironie auch, aber doch nirgendwo Sarkasmus. Alles wird getragenvon der Sympathie zu den Menschen, die wehmütig in sich hineinsehen und ihr Leben überdenken, und von der Wertschätzung des Rituals. Heinrich Breloer nennt es "das Geländer", an dem man entlangschreitet, mitten hinein ins Gefühlszentrum dieses Datums: "Man ist frei, weil man es als gemeinsames Fest begreift, das man selber gestaltet und nicht gestaltet wird." Insofern schildern die "Buddenbrooks" die Urszene der bürgerlichen Weihnacht.

Weihnachten war im Rom Kaiser Aurelians die christliche Antwort auf das heidnische Fest der "Unbesiegten Sonne". "Das Bürgertum hat Weihnachten dann mit Reichtum ausgestattet", sagt Heinrich Breloer. "Das Fest dient dazu, die Familie zusammenzuholen und Gemeinschaft zu symbolisieren: An einem Tag im Jahr sollen alle Hoffnungen wahr werden, einmal soll Überfluss sein. Und so ist das Fest auch Ausdruck ökonomischer Stärke." Das spürt man in den "Buddenbrooks": das Übermaß an Geschenken; die unter Plumcakes und Weingelee sich biegenden Tische. Hausangestellte werden ebenfalls beschert – mit Gaben, die man auf kleineren Tafeln anrichtet. "Arme und Außenseiter sollen nicht ausgegrenzt werden", sagt Breloer, "das ist Tradition. So wurde es in Thomas Manns Elternhaus gehalten, und das pflegte er noch in den 20er Jahren in München. Jeder mag teilhaben, denn vor Gott sind alle gleich: Das war einst die ungeheuerliche Behauptung gegen die Sklavenhaltergesellschaft in Athen und Rom. Und mit Gott zieht man nun Bilanz."

Aber "Weihnachten bei den Buddenbrooks" wäre kein Stück von Thomas Mann, wenn Stärke, Heiterkeit und die "inbrünstige Fröhlichkeit" lange währten. Natürlich wächst auch in diesem rotwangigen Apfel ein Wurm, Verfall kündigt sich an. Als "Autor für den deutschen Gabentisch" wurde Thomas Mann einst von Rudolf Borchardt bezeichnet. Borchardt stieß sich am feierlichen Tonfall, am Hochgestimmten, er fand das damals bereits altmodisch. Doch das Urteil verkennt die zweite Ebene dieser Weihnachtsszene, den Bodensatz aus Kummer, der jeden Anflug von Kitsch abtötet.

Von "Glanz im Untergang" spricht Heinrich Breloer. Das Weihnachtsfest steht im letzten Drittel des Romans: Betriebspleiten und Spekulationsverluste deuten sich bereits an, und was folgt, sind Nervenschmerzen und Infarkt. Die Konsulin Buddenbrook wird im nächsten Jahr nicht mehr leben. Und der "bürgerliche Spätling" Hanno wird bald mit dem Lineal einen Schlussstrich unter die Familienchronik ziehen: "Ich glaubte, es käme nichts mehr."

Vielleicht macht gerade das die Qualität des Textes aus: die Ahnung, dass all das Schöne, das man erlebt, nicht von Dauer sein könnte. Wir kennen solche Beklommenheit allzu gut. Weihnachten ist Utopie: "Still schweigt Kummer und Harm", singen wir und hoffen sehnsüchtig, dass sich davon etwas im Alltag ausbreiten möge. So vermitteln dieses Buch und sein berühmtes Kapitel eine Lehre: dass man jedes Jahr aufs Neue in Dankbarkeit genießen möge und "hoffenden Herzens" auf die Zukunft vertraue.

Es ist die Botschaft der Weihnacht.

(RP)
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