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Das "Ballett am Rhein" hat eine Choreografie verfilmt

Tanzfilm des „Balletts am Rhein“ : Schweben im Raum zwischen Tänzern

Das „Ballett am Rhein“ zeigt „A simple piece“ als Film von Demis Volpi und Ralph Goertz – mit einer faszinierenden Kameraführung in einer einzigen Einstellung.

Kurz vor dem zweiten Lockdown feierte Demis Volpis „A simple piece“, das gar nicht einfach ist, im Oktober seine Premiere in der Deutschen Oper am Rhein als Teil eines zweiteiligen Abends. Da der Ballettdirektor die überaus sinnliche 30-minütige Choreografie in den vergangenen Monaten nicht zeigen konnte, hat er sie nun verfilmt. Gemeinsam mit Ralph Goertz, Düsseldorfer Filmemacher, Kurator und Leiter des iks – Institut für Kunstdokumentation, hat er eine Fassung produziert, die ihre ganz eigene filmische Qualität entwickelt. „Es ist eine dreidimensionale Erfahrung geworden“, sagt Volpi. Und Ralph Goertz ergänzt: „Die Kamera tanzt mit.“

Goertz filmt das Stück in einer einzigen Einstellung, kein Schnitt wechselt die Perspektive. Die Kamera ist immer mittendrin unter den Tänzern und nimmt nur ausschnitthaft wahr, was um sie herum geschieht. Totalen auf das gesamte Ensemble gibt es nur selten, den Blick auf die Guckkastenbühne gar nicht. Die Kamera schwebt zwischen den Tänzern in einem Raum aus Licht und Schatten (entworfen von Volker Weinhart). Wo in dieser geschlossenen Umgebung vorne und hinten ist, erschließt sich nicht sofort.

Die Kamera gleitet meist rückwärts durch die Reihen der 16 Tänzer, verweilt immer nur kurz, beobachtet das Gesicht einer Protagonistin, die Geste eines anderen. Die Beine der Tänzer scheinen zunächst wie auf der Stelle festgewachsen. Nur die Arme bewegen sich um die Körper herum, mal rudernd und kreisend, mal abgehackt suchend. Eine Bewegungsfolge setzt sich im nächsten Körper fort.

Die faszinierende und ergreifende A-Cappella-Komposition „Partita for 8 voices“ von Caroline Shaw strukturiert das Stück, setzt strenge Zäsuren, wechselt das Tempo und die Stimmung – ein Ereignis! „Jeder Satz der Partitur hat sein eigenes Bewegungsmaterial“, erläutert Dramaturgin Carmen Kovacs in dem kurzen und aufschlussreichen Einführungsvideo, das man nicht verpassen sollte.

Die Tänzer tragen weite Arbeitshosen aus derbem Stoff mit großen aufgenähten Taschen (Kostüme: Carola Volles). Diese sind gefüllt mit rosa Papierschnipseln. Bei jeder Beinbewegung, die nun zunehmend folgen, da die Tänzer sich allmählich aus ihrer Position befreien, verstreuen sich die Schnipsel auf dem Boden, hinterlassen kleine Häufchen, die aussehen wie Materialreste in einer Fabrik – oder wie Blütenstaub. Wenn eine Tänzerin das Bein ganz weit hochwirft, beobachtet die Kamera genau, wie der feine Staub verwirbelt, ein schönes Detail, das man als Zuschauer auf Distanz so nicht wahrgenommen hätte.

Mit der Kamera mitzugleiten, entwickelt einen fast meditativen Sog; man durchkreuzt immer wieder die Bühne, als sei man Teil der Truppe. Große Ensemble-Szenen zeigt die Kamera formatfüllend, betont dabei den Gleichklang der Körper. Dann wieder geht sie bei Details nah ran, so dass ein schöner Mix aus Nähe und Ferne entsteht.

Irgendwann öffnet sich der Eiserne Vorhang. Der (Kamera-)Blick erfasst den Zuschauerraum der Deutschen Oper am Rhein – leer, wie in den vergangenen Monaten auch. Doch dann gehen die Lichter an, erleuchten allmählich die rot samtenen Sitzreihen, von denen aus sonst die Zuschauer auf die Bühne schauen.

Einen schönen Clou hat sich Ralph Goertz für das Ende ausgedacht: Da filmt er wiederum zwischen den Tänzern hindurch in Richtung Hinterbühne. Die Musik verstummt, die Kamera dreht sich um – und die Bühne ist leer. Die Tänzer sind wie von Zauberhand verschwunden. Ganz ohne Schnitt.