London: Da Vinci – der zeichnende Anatom

London : Da Vinci – der zeichnende Anatom

87 Seiten aus den anatomischen Notizbüchern des Renaissance-Meisters werden in der Queen's Gallery am Buckingham-Palast gezeigt – manche zum ersten Mal. Über skizzierte Augäpfel, Fötusstudien und Abbildungen des Herzens mit "kleinen Türen", den Herzklappen, staunen Mediziner.

Die Geburt des Lebens, das größte Wunder der Natur. Vor fünf Jahrhunderten zog es einen der klügsten Köpfe der Welt so sehr in seinen Bann, dass der aufmerksame Beobachter Leonardo da Vinci seine wissenschaftliche Objektivität aufgab. 1511 skizzierte der Künstler mit schwarzer Tinte einen Fötus im Mutterleib und war vom Winzling so angetan, dass er die zusammengekrümmte Figur wider Gewohnheit liebevoll mit roter Kreide nachcoloriert hat. Ist es eine embryologische Studie oder ein Kunstwerk?

Die Besucher der neuen Blockbuster-Ausstellung "Leonardo da Vinci: Anatom" im Buckingham-Palast werden diese Frage selbst beantworten können. Erst vor ein paar Monaten bestaunten die Londoner die "Dame mit dem Hermelin" des Porträtmalers da Vinci in der National Gallery. Die "Jahrhundert-Schau" war so populär, dass manche Besucher nachts in einer Warteschlange auf dem Trafalgar Square ausharrten, um an ein Ticket zu kommen.

Die neue Ausstellung zeigt den berühmtesten Künstler der Renaissance von einer anderen Seite, und sie passt perfekt zur Olympiastimmung in London, das in drei Monaten die weltbesten Athleten begrüßen will. "Wir feiern mit den Spielen die physischen Möglichkeiten unseres Körpers, aber wie genau funktioniert er? Leonardo versuchte das bereits vor einem halben Jahrtausend herauszufinden", sagt der Kurator Martin Clayton. Als Hausherrin auf Schloss Windsor kann die 86-jährige Elizabeth II. jederzeit in die Bibliothek des Palastes gehen, um sich dort an den wunderbaren Zeichnungen des Forschergeistes mit einem Sinn für das Schöne sattzusehen. Im Jahr ihres Diamantenen Thronjubiläums teilt jedoch die Queen ihren Schatz gerne mit der Öffentlichkeit. 87 Seiten aus da Vincis anatomischen Notizbüchern werden in der Queen's Gallery am Buckingham-Palast gezeigt, manche zum ersten Mal. Es ist die größte derartige Schau der Geschichte, die die Besucher auf eine aufregende Reise in unser Inneres entführt. "Leonardo wollte die Menschen ,naturgetreu' abbilden, darum hat er ihren Körper erforscht", sagt Martin Clayton, der das kreative Multitalent vor allem für einen Universalgelehrten und erst danach für einen Künstler hält.

Laut Clayton plante da Vinci ein aufwendiges anatomisches Traktat für seine Malerkollegen zu schreiben, wofür er die Muskeln und Knochen genau studiert hat. Dabei wollte Leonardo auch die Quellen solcher Gefühle wie die Lust, den Hunger oder die Müdigkeit entdecken. Bereits seine frühen Zeichnungen des menschlichen Schädels (1489) hätten eine "verblüffende Ähnlichkeit" mit modernen Scans eines Kernspintomographen, so Clayton.

Zur Anatomie kam da Vinci ursprünglich über die Kunst. Er habe ein Buch schreiben wollen, in dem alles enthalten sein sollte, was ein Maler wissen müsse – vor allem, um einen Mensch in seiner Komplexität darzustellen, erklärte Clayton. "Er untersuchte nicht nur Knochen und Muskeln, sondern auch das Nervensystem." Selbst das Gehirn nahm er sich vor, um herauszufinden, wie Gesichtsausdrücke entstehen.

Im Palast wandert man auf den Spuren des Forschers da Vinci – von den skizzierten Augäpfeln und Querschnitten der Bauchhöhle über das feine Geflecht der Blutgefäße bis hin zu Abbildungen des Herzens mit "kleinen Türen" (Klappen) und den Studien des Fötus im Mutterleib. Er hatte als Erster anatomisch korrekt die Wirbelsäule und den Appendix gezeichnet sowie die Merkmale der Leberzirrhose und Arteriosklerose beschrieben. Alle Zeichnungen sind mit Erklärungen in Leonardos typischer "Spiegelschrift" versehen, die laut Experten mehr Gewohnheit denn eine Täuschung war.

Das Faszinierendste an der neuen Schau ist die Anschaulichkeit der 500 Jahre alten Skizzen, die dank der Schattierungen präzise und plastisch wirken. "Er stellte den Körper Schicht für Schicht dar. Heute kopieren wir diese Technik im anatomischen Unterricht", sagt anerkennend der Chirurg Gus McGrouther von der Uni Manchester. "Leonardo kombinierte seine Kenntnisse der Architektur, Geometrie und der Ingenieurskunst mit seinen künstlerischen Fähigkeiten, um zu zeigen, wie die die Dinge aussehen und wie sie funktionieren. Das war einzigartig", sagt sein Kollege Peter Abrahams von der Warwick Medical School. Da Vinci hatte im Laufe seiner Studien 30 Körper seziert, doch das Traktat aus unbekannten Gründen nie verfasst. Nach seinem Tod 1519 nahm sein Schüler Francesco Melzi die Notizbücher an sich. Später erwarb sie der Bildhauer Pompeo Leoni. Die Skizzen kamen 1630 nach England und wurden 1690 dem König Charles II. geschenkt oder verkauft.

Doch es sollten weitere 200 Jahre vergehen, ehe sie breite Anerkennung bekamen. "Hätte Leonardo sein Buch geschrieben, er wäre der größte Anatom aller Zeiten geworden", so Kurator Michael Clayton. "Wenigstens können wir mit dieser Ausstellung dem genialen Forscher gebührenden Tribut zollen".

(RP)