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Corona und das Ende der Partys: Junge Menschen verlieren Lebensgefühl

Das Leid der Jugend in Corona-Zeiten : Tschüss, Partys!

Die junge Generation feiert nicht, weil sie es in Corona-Zeiten nicht darf und lassen sollte. Welche Ansprüche darf die Jugend äußern? Und welche Verantwortung trägt sie? Ein Essay aus der Sicht der Betroffenen.

Corona ist für uns ein Abschied. Wir gehen jetzt nicht mehr um 23 Uhr in die Stadt, nachdem wir mit zehn Leuten „vorgeglüht“ haben. Wir stimmen uns nicht mehr in unserer Lieblingskneipe auf den Club ein. Wir tanzen nicht mehr bis vier Uhr morgens, dicht an dicht, verschwitzt, Arm in Arm mit Menschen, die wir bis vor ein paar Stunden nicht einmal kannten. Wir werden uns auch keine Pizza mehr für den Nachhauseweg kaufen, mit extra viel Knoblauch und „scharf“. Das alles ist vorbei für uns. Die junge Generation – sie feiert nicht mehr. Sie darf es nicht.

Durch die Corona-Pandemie gibt es jetzt eine Sperrstunde. Um 23 Uhr werden die Bürgersteige hochgeklappt, wie man auf dem Dorf sagt. Da kommen viele von uns her und wollten auf unbestimmte Zeit auch nicht mehr zurück. Wir sind in die Stadt gezogen, um frei zu sein. Um nachts durch die Straßen zu ziehen, bei jedem Späti noch ein Wegbier mitzunehmen, mit Freunden das Leben zu genießen – und, um neue Menschen kennenzulernen. Politiker wie FDP-Chef Christian Lindner oder Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) halten das alles nicht für systemrelevant. Im ARD-Bericht aus Berlin betonte Lindner jüngst, dass „Massenbesäufnisse in der Partyszene von Berlin“ und wilde Club-Abende jetzt tabu seien. „Das lebt von Nähe, lebt von einer dichten Atmosphäre – und genau das geht jetzt in Pandemie-Zeiten nicht“, sagte der FDP-Chef. Altmaier appellierte an die Feiernden, Partys und private Feiern für einige Monate oder Wochen hinten anzustellen, damit die Regierung die gesundheitliche Lage unter Kontrolle bekomme.

Okay, schon wieder. Oder immer noch? Der erste Impuls ist vielleicht: Rebellion. Wie können wir die Einschränkungen umgehen? Doch mit ihrem Appell liegen die Politiker leider nicht falsch. Wenn wir jetzt Abstriche machen, schützen wir andere. Und uns selbst. Wir schützen uns davor, selbst schwer krank zu werden und wir schützen uns davor, andere zu verlieren.

Wir müssen ja nicht mehr feiern. Wir können auch andere Wege finden, Spaß zu haben. Wir können uns in sehr kleinen Gruppen treffen und gemütliche Abende verbringen, digitale „Besäufnisse“ veranstalten, um die Wortwahl von Christian Lindner aufzugreifen, Clubnächte per Livestream ins Wohnzimmer verlagern und zu Zweit feiern. Die Spieleabende wiederentdecken, Pärchenabende ausprobieren (auch, wenn wir uns in unserem Alter noch dagegen sträuben) und Freundschaften vertiefen, statt immer wieder neue Leute kennenzulernen, die wir nur mögen, weil wir gerade betrunken sind.

Das alles ist so leicht gesagt. Und es ist wohl für privilegierte junge Menschen leichter umzusetzen als für junge Menschen in Armut, mit familiärem Problem, Abhängigkeiten oder psychischen Krankheiten. Corona verlangt uns allen einiges ab, aber Menschen mit Problemen am meisten.

Partys sind nicht das Einzige, was fehlt. Und sicherlich geht es uns nicht allen gleich mit der Sperrstunde, dem Partyverbot, den Einschränkungen. Manche von uns hassen Partys und wünschten, sie hätten vor immer Ruhe vor aufgesetzten Gesprächen, dröhnenden Bässen und der Angst, nicht dazu zugehören. Manche treffen vor allem auf Partys, in Bars, Kneipen und Clubs, Menschen, mit denen sie ausgelassen sein können, die sie so akzeptieren wie sie sind. Queere Jugendliche zum Beispiel.

Manche von uns hatten sich auf das Auslandssemester gefreut, auf den Abiball, die ersten Studentenpartys. Dinge, die Spaß machen, Dinge, die unser junges Leben entscheidender prägen als jeder Gottesdienst, Restaurant- oder Theaterbesuch es je könnte. (Und jeder einzelne wäre zurzeit noch erlaubt). Es sind Dinge, die wir nicht nachholen können, die uns verwehrt bleiben.

Viele fragen sich, ob sie in einem Corona-Winter einen neuen Partner finden können, Anschluss bekommen in der neuen Uni oder im Ausbildungsbetrieb. Wahrscheinlich wird es keine Weihnachtsmärkte, Weihnachtsfeiern, Silvesterpartys oder überhaupt irgendwelche Feste geben. Wahrscheinlich wird dieser Winter für manche jungen Menschen einsam.

In diesem Winter verabschieden wir uns endgültig von unserem alten Leben und müssen ein neues beginnen. Das macht Angst. Deshalb müssen nicht nur Verbote, sondern auch alternative Angebote her. Und Verständnis. Und Rücksicht auch auf junge Menschen. Denn wir sind die Zukunft. Und wir können sie nur so gut gestalten, wie es die Gegenwart zulässt.

Unsere Autorin ist 23 Jahre alt und lebt in Düsseldorf.