1. Kultur

Corona ist ein Maximal-Teekesselchen. Ein Ausflug durch unsere Sprache.

Wo überall „Corona“ drinsteckt : Sterne, Viren, Heilige und Mafiosi

Wer von Corona redet, meint den Erreger der Covid-19-Pandemie. Aber das Wort ist wegen seiner erhabenen Bedeutung ein Maximal-Teekesselchen. Einladung zu einem Ausflug durch unsere Sprache.

In diesen seltsamen Zeiten finden viele Menschen Gefallen an Dingen, die sie gefahrlos zu Hause oder in ordentlichem Abstand zu anderen tun können. Sich zum Beispiel die Sterne anzusehen, lohnt immer. Wer das in einer klaren Frühlingsnacht tut, findet am Osthimmel, etwa in Verlängerung der Deichsel des Großen Wagens, einen Halbkreis von Sternen mittlerer Helligkeit. Wenige Sternbilder sind so passend benannt wie dieses, die Nördliche Krone (nördlich deshalb, weil es am südlichen Sternenhimmel eine weitere, allerdings deutlich unscheinbarere Krone gibt). Die 88 Sternbilder sind nun international unter ihren lateinischen Namen bekannt, und deshalb lautet der offizielle Name der nicht sonderlich prächtigen, aber hübschen Nördlichen Krone: Corona Borealis.

Corona also ist nicht nur die Kurzbezeichnung für einen Virustyp und in der Alltagssprache für die von ihm ausgelöste Lungenkrankheit, die unseren Alltag so massiv zum Schlechten verändert, sondern auch für etwas Schön-Entferntes, eben ein Sternbild. Und damit fängt die Sache erst an. Corona nämlich entpuppt sich wegen seiner erhabenen Konnotation sozusagen als Maximal-Teekesselchen, vom Wahren-Schönen-Guten im großen Bogen bis zum Niederträchtig-Hässlichen.

Bleiben wir noch etwas am Himmel: Auch die äußere Atmosphäre der Sonne nennen Astronomen Corona (allerdings eher eingedeutscht Korona). Die Sonne zeigt ihre bei einer Sonnenfinsternis, wenn die gleißende Sonnenscheibe hinter dem Neumond verschwindet. Daher übrigens haben auch die Coronaviren seinen Namen, die die Forscher mit ihren Fortsätzen unter dem Mikroskop an Strahlenkränze erinnerten. Und daher kommt auch der leicht spöttische Begriff der Korona von Freunden, die eine (manchmal von sich selbst sehr eingenommene) Person um sich schart.

Corona hießen auch deutsche Autos und Fahrräder (in der Weltwirtschaftskrise war dann Schluss), Toyota hat ein Modell Corona genannt, und ein Vulkan auf Lanzarote heißt Corona – schön anzusehen, angeblich erloschen. Eine erstaunlich lange Reihe von Fußballspielern und Bischöfen hört(e) überdies auf den Namen Corona. Die Biermarke natürlich. Ein Zigarrentyp. Und eine ganze Fantasiewelt, erschaffen vom US-Autor R.A. Salvatore.

So weit, so schön. Die amerikanischen Corona-Spionagesatelliten mögen noch einem guten Zweck gedient haben, nämlich der Sache der Demokratie im Kalten Krieg; hässlich wird’s spätestens mit der Sacra Corona Unita, der apulischen Mafia. Womit wir in Italien wären, das derzeit vom Coronavirus am heftigsten heimgesucht wird.

Was also hilft? Himmlischer Beistand? Das Bistum Aachen verweist auf die Reliquien der Heiligen Corona im Hohen Dom; dass das Mädchen, das mit nur 16 Jahren das Martyrium erlitten haben soll, nicht nur Schutzpatronin der Lotterie, der Schatzgräber und ganz allgemein in Geldsachen ist, sondern auch gegen Seuchen, passt schon fast zu gut. Gestorben sei sie, fasst ein Online-Heiligenlexikon zusammen, im Jahre 177 oder 303 in Damaskus, Antiochien, auf Sizilien, in Marseille oder in Alexandria.

Wem das dann doch etwas unscharf ist, der findet vielleicht Zuspruch bei den Coronas unserer Tage. Die gibt es nämlich zuhauf. Denn das lateinische Corona heißt nicht nur Krone, sondern auch Kranz, auch der Vorname Corona ist nur die weibliche lateinische Entsprechung des griechischen Stephanos, was ebenfalls Kranz bedeutet. Und einen Stephan oder eine Stefanie, mit dem oder der man in der Krise mal wieder telefonieren sollte, kennt vermutlich fast jeder.

Falls aber nicht, könnte man natürlich auch allein Musik hören, nach dem Sternegucken. Vielleicht „The Rhythm of the Night“, dieses 90er-Eurodance-Stück. Wie die Band hieß? Corona natürlich.