"Colorado": Neil Young schunkelt mit Crazy Horse

Neil Young : Neil Young schunkelt mit Crazy Horse

Rock Man muss das letzte Stück als Erstes hören, denn da wird der alte Kerl ganz milde. Er singt wie ein Kind, er reißt die Augen weit auf, und genau genommen singt er gar nicht, sondern schmeichelt, schmust und schäkert.

„I Do“ heißt dieser Song, natürlich handelt er von der Liebe, und dass er am Ende dieses Albums steht, darf man als Hoffnungsschimmer deuten.

Neil Young legt die 16. Platte im laufenden Jahrzehnt vor, und „Colorado“ gelingt etwas Besonderes: Sie wickelt den Hörer ein, er ergibt sich ihr geradezu. Der 74-Jährige hat seine Hausband Crazy Horse zusammengetrommelt, sieben Jahre sind seit dem letzten Großwerk „Psychedelic Pill“ vergangen. Nils Lofgren, der schon 1971 auf „After The Goldrush“ zu hören gewesen ist, spielt Gitarre an Stelle des pensionierten Frank Sampedro. Er und seine Kollegen beweisen, dass man mit zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug und Harmoniegesang ein ziemlich gemütliches Klangbett bauen kann.

Ein Höhepunkt in diesem Sinne ist das 13 Minuten lange „She Showed Me Love“. Die Gitarren eiern ein wenig, das Lied rumpelt schicker vor sich hin, und wenn man die Augen aufmacht, ist es wieder 1969. Young singt hier von den alten, weißen Männern, die „Mother Nature“ zerstören, große Tirade also, und er gibt einen zeitgemäßen Hinweis auf Greta Thunberg: Er habe junge Leute gesehen, die für die Natur kämpfen. Noch ist nicht alles verloren.

Das ist die neue Platte einer Band, die seit 50 Jahren zusammenspielt. Sie haben sich dafür in die Rocky Mountains zurückgezogen, in 2700 Meter Höhe, wie man hört: Spitzensportler trainieren dort für ihre Weltrekorde. Herausgekommen ist herrlich sentimentales Hochleistungsgeschunkel. Hippiesk im besten Sinne und, wenn auch nicht so gelungen wie „Psychedelic Pill“, eine der besten Platten Neil Youngs in dieser Dekade. Philipp Holstein