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„Circa Contemporary Circus" aus Australien bei den Ruhrfestspielen

Ruhrfestspiele : Mit Salto zum „Sacre“

Der „Circa Contemporary Circus“ aus Australien gastiert erstmals bei den Ruhrfestspielen. Wie gut die Artisten sind, merkte man sogar am Monitor.

Eigentlich sollte der Circa Contemporary Circus schon vergangenes Jahr in Recklinghausen gastieren – als Weltpremiere außerhalb Australiens. Diesmal nun findet das Gastspiel zumindest digital statt – und begeistert trotz der Distanz, die das Medium automatisch schafft. Man kann sich vorstellen, wie überwältigend diese äußerst virtuose Darbietung, eine Mischung aus Tanztheater und Akrobatik, live gewesen wäre. Und dazu wagen die Australier viel: Strawinskys berühmtes „Sacre“ haben sie sich vorgenommen, ein Stück Ballettgeschichte, zu dem große Choreografen wie Wigman oder Béjart Fassungen schufen. Pina Bauschs Interpretation gilt als wegweisend. „Wir stehen auf den Schultern von Giganten“, sagt Produzent Ben Knapton vor der Aufführung.

Als klug erweist sich die Entscheidung von Regisseur Yaron Lifschitz, Strawinskys Ballett eine etwa 30-minütige Komposition von Philippe Bachmann voranzustellen. So können die zehn Tänzer und Akrobaten, zurückhaltend in schwarz gekleidet, sich vorstellen und den puristischen Raum, in dem nichts an Zirkus erinnert, mit ihren trainierten Körpern erobern. Sie tanzen geschmeidig und fließend, gerne als Pas de Deux, verschlungen, sich innig umeinander wickelnd.

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Dann aber springen sie, übereinander, untereinander, sich gegenseitig in die Arme. Sie heben sich, machen Handstand auf den Armen des Partners, zwei klettern auf die Schulter eines Tänzers, bilden dort eine menschliche Skulptur, machen Saltos aus dem Stand oder rollen sich nach einem Sprung in den Raum gekonnt ab. Das erinnert dann deutlich an Zirkus, zumal die Bewegungsfolgen häufig auf einen Höhepunkt hin inszeniert sind, indem die Tänzer kurz innehalten, bevor sie die Spannung entlassen.

Bachmanns Komposition steigert sich zu einem immer schnelleren Rhythmus. Durchzuckt von Lichtblitzen wechselt auch die Choreografie ihr Tempo: Ein Wechsel von fast Zeitlupe zu Ausbrüchen voller Energie und Dynamik, dabei reduziert, sehr konsequent, puristisch, so gelingt den Australiern ein faszinierender Auftakt.

Danach wirkt ihre Fassung von „Sacre“ fast etwas redundant, da die Formensprache kau variiert. Zunächst steht nur ein Paar mit kurzen Kostümen im Lichtkegel. Sie erklimmen sich gegenseitig, sie balanciert auf seinem Oberschenkel, auf seiner Schulter, bleibt ständig in Bewegung, als gelte es, den Boden nicht zu berühren. Die Dynamik von Strawinskys Musik erfasst dann die zehn Tänzer wie Schockwellen, sie zucken, wie von unsichtbarer Hand geboxt. Immer wieder bilden sie einen Kreis, liegen am Boden, verknäulen sich, bis einer aus der Gruppe nach oben gespült wird, als würde ein „Frühlingsopfer“ ausgewählt. Doch die erzählerische Ebene bleibt nur angedeutet.

Am Ende gibt es ein Opfer, das wiederholt in den Spagat fällt, ein brutaler Akt der Selbstkasteiung, so scheint es. Körperlich geht die Kompagnie an ihre Grenzen, akrobatisch, konzentriert, präzise, liefern die Tänzer Topleistungen und lassen das Ganze leicht aussehen, was sicher schwer ist. Atemberaubend – wie im Zirkus eben.