1. Kultur

Christoph Schlingensief: Dokumentarfilm von Bettina Böhler zeigt Leben des Künstlers

„In das Schweigen hineinschreien“ : Im Kopf von Christoph Schlingensief

Eine großartige Kino-Dokumentation führt in die Gedankenwelt des vor zehn Jahren gestorbenen Künstlers ein. Man merkt beim Zusehen, wie sehr man ihn vermisst.

Gegen Ende des Films ist das, da kommt ein Messdiener zu ihm hinter die Bühne. Der Messdiener ist Statist in der Produktion „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, die von Christoph Schlingensiefs Lungenkrebs-Erkrankung handelt. Der Junge überreicht einen Brief, und darin steht in Schreibschrift: „Ich finde es traurig, dass Sie so früh sterben.“ Schlingensief muss schlucken, er schaut das Kind gerührt an und entgegnet, dass das vielleicht ja nicht stimme, dass er vielleicht gar nicht sterbe. Zwei Jahre später ist er tot.

„Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ heißt dieser Dokumentarfilm. Zu solchen Anlässen sieht man üblicherweise berühmte Kulturmenschen, wie sie betroffen sind und sich an jemanden erinnern. Regisseurin Bettina Böhler ist an so einem Film jedoch nicht interessiert, ihr gelingt etwas Bedeutenderes. Sie führt gleichsam hinein in den Kopf Schlingensiefs, sie eröffnet dem Zuschauer einen Kosmos, den Denkraum des vor zehn Jahren gestorbenen Künstlers. Sie muss keine Gewährsleute behaupten lassen, wie groß dieser Mann war. Sie zeigt es einfach.

  • Ein Bild aus der Serie "Affenbilder"
    Schlingensief in der Julia-Stoschek-Collection : Affenbilder mit Hitler und Honecker
  • Das B.C. Koekkoek-Haus in Kleve schreibt
    Kleve : Film: Herr Koekkoek und die Freiheit
  • Auch das FolkwangMuseum in Essen will
    Kultur in NRW : Kunstsammlung und Folkwang-Museum öffnen zu Pfingsten

Böhler arbeitete eng mit Schlingensief zusammen, sie ist Film-Editorin und montierte seine Klassiker „Terror 2000“ und „Die 120 Tage von Bottrop“. Für ihr Regiedebüt schneidet sie nun Interviews, Familienvideos und Material von Schlingensiefs Aktionen übereinander, buchstäblich sogar, mitunter entstehen Mehrfachbelichtungen. So ist denn schon die Form dieser Produktion eine Hommage an ihre Hauptperson, denn Schlingensief erinnerte sich einst an einen prägenden Moment, als sein Vater die Kassette aus seiner Doppel-8-Kamera holte und vorführte, was er gefilmt hatte. Der Vater hatte die Kamera falsch bedient, und nun liefen eine Straßenszene und eine Strandszene gleichzeitig und übereinander ab, und das inspirierte den Sohn: „Was passiert, wenn sich Dinge übereinander legen, die nichts miteinander zu tun haben? Ein paar Synapsen stabilisieren sich, dazwischen flimmert es.“

Zu sehen sind Ausschnitte von Filmen, die Schlingensief als Schüler gedreht hat, und über zwei Stunden hinweg begegnet man seinen Arbeiten wieder, die schließlich immer stärker ausgreifen in die öffentliche Debatte. Als er an der Filmhochschule abgelehnt wurde, rief er den Vater von Wim Wenders an, der war Arzt und entfernt bekannt mit Schlingensiefs Vater, einem Apotheker. Wenders solle doch ein gutes Wort für ihn einlegen. Der sei aber bei den Festspielen in Venedig, entgegnete Wenders Vater, und Schlingensief fuhr einfach los in die Lagune. Er traf Wenders tatsächlich dort, war aber ein bisschen beklommen, weil der Isabella Rossellini dabei hatte und Schlingensief sie toll fand. Wenders war dann auch dabei, als Schlingensief seinen ersten Film bei der Berlinale zeigte. Er verließ den Saal aber nach zehn Minuten: In „Menü Total“ wurde Helge Schneider gerade von einem Mann in Nazi-Uniform mit etwas widerlich Braunem eingeseift. Der Vater fragte danach: „Warum drehst du solche Filme?“

Es gibt herrliche Szenen. Wie er Christian Wulff in einer Talkshow anging und von ihm ein Gesetz für ein besseres Nachtprogramm im Fernsehen verlangte: „Ab ein Uhr wird zurückgesendet!“ Wie er Tilda Swinton traf und die beiden sich sofort heftig ineinander verliebten: „Ich konnte kaum Englisch, sie kaum Deutsch, aber das mussten wir in diesem Liebeszustand auch nicht.“ Schön sind die vielen Szenen mit Schlingensiefs Eltern, die mitunter auch nicht so recht wussten, was der Sohn da machte, ihn aber machen ließen – selbst als sie bedroht wurden, von Leuten, die Schlingensief hassten, weil er sechs Millionen Arbeitslose in den Wolfgangsee schicken wollte, auf dass der Wasserspiegel um zwei Meter steige und das Ferienhaus von Helmut Kohl überschwemme.

Die Höhepunkte sind die Stellen, an denen Schlingensief redet. Er redet in diesem Sound, der ein charmantes Dozieren ist, er redet und redet, so ernst und heiter, mit einer Energie, die ansteckt, mit Enthusiasmus und totaler Überzeugtheit, voller Lauterkeit und aufrecht und mit einer Mission. Er wolle auf der Bühne denken, was man draußen auf der Rolltreppe im Kaufhof schon lange nicht mehr denken dürfe, weil man sonst festgenommen würde, sagte er. „Gute Gedanken sind wie ein Zelt: zerstörbar. Aber sie geben mir Geborgenheit. Schlechte Gedanken sind unzerstörbar und stehen nur herum, und das nennt man Meinung. Ich hätte gerne nicht nur Meinungen, ich hätte gerne auch Gedanken zur Verfügung, das fordere ich von Theater.“ Und: „Meine Gedanken sind noch zerstörbar.“

Er könne die Welt nur in Geschichten und Manipulationen ertragen, sagte Schlingensief. Aber nicht Abscheu, sondern Angst sei der Boden seiner Arbeit. In sein Werk gingen auch die Beschädigungen und Depressionen der Eltern ein. Die Mutter war um viele Ecken mit Joseph Goebbels verwandt. Der Filmtitel „In das Schweigen hineinschreien“ bezieht sich denn auch auf das Schweigen über den Nationalsozialismus. „Erinnern heißt vergessen“, habe der Vater oft gesagt. Das sehe er anders, sagt Schlingensief. Trotzdem verbinde ihn viel mit dem Vater, dem Apotheker: Den Leuten Mini-Portionen Gift geben und sie dadurch heilen.

Je länger der Film dauert, desto mehr vermisst man Schlingensief und seine Unbedingtheit. Das spezielle Lächeln, wenn einer etwas sagt, das ihm gefällt. Man wünscht sich, das Ende, das man ja kennt, könnte hinausgezögert werden. Aber dann kommt das Videotagebuch, das Schlingensief im Krankenhaus führte. „Ich will leben“, sagte er verzweifelt in die Kamera, „und das kriegen wir schon hin.“

Er wurde 49 Jahre alt.

Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien, Deutschland 2019 – Regie: Bettina Böhler, 130 Min.