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Düsseldorf: Christo überspannt jetzt einen Fluss

Düsseldorf : Christo überspannt jetzt einen Fluss

Zwei Projekte will der US-Amerikaner mit bulgarischen Wurzeln vollenden: in Colorado den Arkansas River überspannen und in Abu Dhabi sein erstes permanentes Projekt errichten. In Düsseldorf traf er auf Künstlerkollegen.

Die Wiedersehensfreude ist groß. Der kräftige Günther Uecker und der zierliche Christo umarmen sich mit der Kraft einer Künstlerfreundschaft, die Jahrzehnte überdauert. Auch Heinz Mack und Christo begegnen sich herzlich im Foyer der Kunstsammlung, wo Christo von seinen zwei Großprojekten erzählen wird.

Sie alle waren einst wild und ungestüm. Pioniere der Nachkriegszeit, in der die Kunst sich andere Vorzeichen setzte, abstrakter, schräger, performativer, radikaler wurde. Uecker griff zum Nagel, Mack meißelte Reliefs, Christo begann mit dem Verhüllen von Gegenständen. Auch einen VW-Käfer verpackte er damals, außerdem eine Schaufensterpuppe. Christo hat in Düsseldorf seine Spuren hinterlassen, obwohl er hier niemals eine Brücke mit glänzendem Stoff verhängte oder große Skulpturen ins Stadtbild setzte. In Düsseldorf bot sich für ihn, der in Paris lebte, in den 1960er Jahren die erste Gelegenheit, auszustellen. Galerist Alfred Schmela, so erzählt man, galt als geizig, die Künstler aber waren arm. So suchte der US-Amerikaner mit bulgarischen Wurzeln eine Bleibe und ein Atelier, um seine Ausstellung vorzubereiten. Günther Uecker gab ihm beides.

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Rund 50 Jahre später ist er wieder einmal in Düsseldorf. Der Meister der weltumspannenden Land-Art-Projekte mit Zuhause in New York berichtet von zwei ausstehenden Projekten: "The Mastaba" in Abu Dhabi und "Over The River" in Colorado. Erste Skizzen des Mastaba-Projekts stammen von 1970. Jetzt sind die Genehmigungen gekommen. Lange Vorlaufzeiten sind nicht ungewöhnlich. Christo greift mit seinen Arbeiten in die Gebietshoheit der Länder ein, braucht Diplomatie und langwierige Genehmigungsverfahren, bis er die Zustimmung erhält. "The Mastaba" ist seine erste permanente Skulptur im öffentlichen Raum: Das Wüstenobjekt wird größer als die Pyramiden von Gizeh ausfallen, aus 410 000 Ölfässern zusammengesetzt und mit Kosten von rund 340 Millionen US-Dollar das teuerste Kunstwerk der Welt werden. Die Form dieser Mastaba-Skulptur ist altägyptischen Grabbauten entlehnt, die als Königsgräber dienten.

Zuvor schon wird Christo "Over The River" verwirklichen, das erste große Landschaftsprojekt nach dem Tod seiner Frau. Ein Jahr lang zog sich die Prüfung im Staate Colorado hin, bis es die offizielle Unbedenklichkeitsbescheinigung für die Ausflugsregion gab: Auf zehn Kilometern Länge wird der Arkansas River im August 2014 für zwei Wochen mit einem silbrig glänzenden, durchscheinenden Stoff überspannt.

Zum ersten Mal nach dem Tod von Jeanne-Claude im Jahr 2009 berichtet Christo (78) von den Projekten, die er gemeinsam mit ihr entwickelte und zu Ende bringen will. Emotional wird er nur einen Moment: "I miss her all the time" ("Ich vermisse sie immer"). Der Künstler bleibt sprachlich in der Wir-Form, egal, um welche Antwort er gebeten wird. Mehr als das scheint er auch so zu fühlen. Der aus dem Bulgarien der Stalin-Zeit geflohene Christo Javacheff und die französische Generalstochter Jeanne-Claude de Guillebon sind am gleichen Tag auf die Welt gekommen, seit ihrem Zusammengehen, 1960, unzertrennlich. Wer welchen Anteil an der künstlerischen Aktion hatte, darüber wird viel spekuliert. Das letzte Geheimnis lässt sich Christo, der als Einzelkünstler bildhauerisch, zeichnerisch und mit Installationen in großen Museen hängt, nicht entlocken. All ihre Kunst habe sich aus sehr privaten Gründen ereignet, die Wahl der Orte habe mit menschlichen Beziehungen in den jeweiligen Ländern zu tun gehabt. "Unsere Werke sind sehr simpel", sagt Christo, "das Schwierigste ist die Erlaubnis." Er spricht von ihrer Liebe zum Wasser, erwähnt öfter die verpackte Pariser Pont Neuf als den Berliner Reichstag, den er 1995, silbern verpackt, nach heftigen politischen Debatten den Deutschen präsentierte.

Das Werk von Christo und Jeanne Claude ist einmalig, unwiederholbar und flüchtig. Totale Freiheit empfindet der agile Mann, weil die Kunst im Außenraum nicht käuflich ist, niemand sie besitzen kann. "Man wird einmal Zeuge und alles nie wieder sehen." In Erinnerung bleiben Hunderte Bilder, Stoffquadrate und Zeichnungen, die Christo überragend anfertigt. Durch deren Verkauf und die Fotoarbeiten seines Künstlerfreundes Wolfgang Volz lassen sich die Großprojekte in der Landschaft finanzieren.

Von Fantasie will Christo nicht sprechen, jedes Projekt habe seine eigene private Entstehungsgeschichte. Mit Träumen habe das weniger zu tun. Warum er und Jeanne-Claude niemals einfachere Projekte anfassten als jene, die Jahrzehnte Vorbereitung und diesen enormen Aufwand brauchen? "Jedes unsere vollendeten Projekte ist wie eineinziger Tag in unserem Leben."

(RP)