Chef des Wuppertaler Von-der-Heydt-Museums, Gerhard Finckh, verabschiedet sich mit zwei Ausstellungen

Abschied des Direktors : „Es kann gar nicht genug Museen geben“

Der scheidende Chef des Wuppertaler Von-der-Heydt-Museums, Gerhard Finckh, glaubt an die Zukunft der Museen an Rhein und Ruhr. Für freien Eintritt setzt er sich nur bedingt ein.

Das Museum als Ort der Beschaulichkeit hat ausgedient? Es gibt zu viele Museen? Jugendliche finden Kunstbetrachtung öde? Gerhard Finckh (67), seit 13 Jahren und noch bis Ende dieses Monats Direktor des Wuppertaler Von-der-Heydt-Museums, wischt alles Endzeit-Gerede beiseite. Er glaubt nicht einmal, dass man das Publikum, wie zuweilen gefordert, mit freiem Eintritt ködern müsse. Den gebe es in seinem Haus ohnehin schon, wenn auch nur an einem Abend pro Monat und dann lediglich für die Schausammlung, nicht für die oft sehr attraktiven Wechselausstellungen.

An die Anziehungskraft von jahrelang unveränderten Präsentationen des eigenen Kunstbesitzes glaubt Finckh ohnehin nicht. Jeweils nach einem halben Jahr zeigte er in seiner Wuppertaler Zeit einen neuen Ausschnitt aus dem riesigen Bestand der eigenen Sammlung, parallel zur Eröffnung einer  Wechselausstellung, und verlangte dann einen Eintrittspreis von zwölf Euro für beides.

Nicht nur in Birmingham, wo er einmal ein prächtiges Museum bei freiem Eintritt besuchte, kamen ihm Zweifel an der Kostenlos-Kultur. Viele Menschen saßen rings um die Heizungen in den Bildersälen mit zwei Flaschen Rotwein, ohne sich um die Kunst zu scheren. „Das fand ich etwas problematisch“, sagte er unserer Zeitung dezent, „denn dann wird es auch für das andere Publikum problematisch.“

Dabei ist Finckh keinesfalls der Meinung, dass Museen ausschließlich der Betrachtung von Bildern zu dienen hätten. Bei einem Besuch der Stadtbibliothek in Mönchengladbach-Rheydt habe er kürzlich festgestellt, dass sich dort Tag für Tag viele junge Leute einfinden, um zusammen zu lernen. Auch das Museum könne er sich als „dritten Ort“ neben Zuhause und Schule oder Arbeitsplatz vorstellen, „vielleicht nicht gerade neben Picasso oder van Gogh, aber die Eingangshallen von Museen ließen sich bestimmt dafür nutzen“. Vor allem für künftige Museen sei das eine Überlegung wert. „Das wäre dann ähnlich wie in der Bonner Bundeskunsthalle. Dahin geht die Entwicklung.“

Das Museum als dritter Ort – das könnte funktionieren, doch dafür bräuchte man keine Bilder. Sind Kinder und Jugendliche heutzutage überhaupt noch für Kunst zu begeistern? Finckh hat im Von-der-Heydt-Museum die Erfahrung gemacht, dass Kinder bis zur Pubertät gerne ins Museum kommen, zum Spielen wie zum Lernen. Danach beginne die Zeit des Fremdschämens, wenn sie zum Beispiel vor einem Akt stünden. Das sei vor allem für Jugendliche aus muslimischen Kulturräumen schwierig. Finckh zufolge ist es dann Aufgabe des Museums, zu vermitteln, dass man so etwas nicht gut finden, es aber unbedingt tolerieren müsse.

„Am schönsten wäre es natürlich“, so fügt er hinzu, „wenn wir die jungen Leute auch begeistern könnten.“

Zu den nachhaltigen Momenten, die Finckh in seinem Museum erlebt hat, zählte die Begegnung syrischer Migranten mit Keramik und Glas aus dem antiken Syrien. „Meine Kultur in einer Vitrine wird ja hier wertgeschätzt“, dies sei die Reaktion der Betrachter gewesen.

Ein Jugendkunstclub spricht im Von-der-Heydt-Museum die nachpubertäre Jugend an, nicht mit Kunst, sondern als Diskussionsforum. Finckh erinnert sich in diesem Zusammenhang an seine eigene Jugend auf dem Lande, als man sich regelmäßig in einem evangelischen Jugendheim traf: „Daraus sind Freundschaften entstanden, die mich bis ins Erwachsenenalter begleitet haben. Und ich stand dann der Kirche zumindest nicht ablehnend gegenüber. So etwas müsste auch im Museum funktionieren.“ Der Einsatz moderner Technologien wäre dabei selbstverständlich.

Vor vier Jahren entspann sich in Deutschland eine Debatte, als die Leiterin der Staatsgalerie Stuttgart, Christiane Lange, vorgeschlagen hatte, kleinere Museen zu schließen und das eingesparte Geld in die großen zu stecken. Finckh mag dieser Anregung nicht folgen, im Gegenteil: „Es kann gar nicht genug Museen geben. Museen sind Orte, an denen wichtige Dinge gesehen und weitergegeben werden. Wir brauchen ein Gedächtnis für unsere Kultur.“

In einer Zeit knapper werdender kommunaler Finanzmittel für kulturelle Zwecke sei es wichtig, die Museen zumindest über eine Durststrecke in ihrem Bestand zu retten und sie später zu neuem Leben zu erwecken. „Schließlich“, so Finckh, „befinden wir uns hier in der dichtesten Museumsregion der Welt“ – nach New York, so sei hinzugefügt.

Nicht jede Ausstellung allerdings scheint unbedingt auch erforderlich zu sein. Das Düsseldorfer Museum Kunstpalast zeigte erst kürzlich legendäre Sportwagen-Oldtimer aus der Spanne von den 1950er bis zu den 70er Jahren ohne einen künstlerischen Bezug etwa zum Möbeldesign derselben Zeit. Dafür braucht man keinen Kulturetat zu belasten, könnte man einwenden. Finckh sieht das anders: „Für mich war es eine schöne Ausstellung, obwohl ich mich nie für Autos interessiert habe. Die Schau hatte eine eigene Ästhetik.“ Es schade ja nicht, „wenn mal andere Leute ins Museum gehen“. Ebenso befürwortet er Events: „Je mehr Leute ins Haus kommen, desto besser“, auch wenn sie möglicherweise kein zweites Mal kommen.

Wie soll es im Von-der-Heydt-Museum nun weitergehen nach der Ära Finckh, wenn vielleicht am 1. Oktober eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger den Dienst antritt – nach so vielen erfolgreichen Ausstellungen zur klassischen Moderne, von Monet bis zu Pissarro?

Gerhard Finckh sieht noch etliche Betätigungsfelder: „Picasso, Munch, Cézanne“. Es müssten ja nicht unbedingt immer gleich Einzelausstellungen sein: „Querschnittsthemen und Kulturgeschichte – vieles ist möglich.“