Catherine Deneuve bei der Berlinale

Der Superstar in Berlin : Audienz bei Catherine Deneuve

Die 75-Jährige stellte bei der Berlinale ihren neuen Film vor. Und empfing zu einem Gespräch stilecht im Hotel Adlon.

Berlin, das Adlon, wo sonst. Catherine Deneuve betritt den Raum in der ersten Etage. Sie trägt eine schwarze Hose und einen Pullover mit rotem Schriftzug: Das Wort „Enjoy“ leuchtet da, geschwungen wie das Coca-Cola-Logo. Für die 75-Jährige steht ein Sessel bereit, er sieht aus wie ein kleiner Thron. Seine Polster sind weich und tief, doch Deneuve sitzt ganz vorne, wie auf einem Brett: Haltung, Contenance. Sie legt sich eine Strähne des perfekt frisierten Haars hinters Ohr. Nicken, Lidschlag: Alors. Die Königin beginnt ihre Audienz.

Catherine Deneuve ist in Berlin, um ihren neuen Film zu präsentieren: „L’adieu de la nuit“. André Techiné hat ihn inszeniert, einer der besten Regisseure Frankreichs. Deneuve spielt darin eine Großmutter, deren Enkel sich radikalisiert und Anschluss an eine islamistische Terrorvereinigung sucht. „Es ist ein Schock zu entdecken, dass jemand ganz anders ist, als man dachte“, sagt sie. Jeder Franzose, der irgendwo einen Knall höre, denke gleich an einen Anschlag. Warum Menschen so etwas tun? „Man kann das nicht verstehen. Das ist etwas, das außerhalb unseres Denkens steht.“

Man will eigentlich immer nur hinsehen. Ihr dabei zusehen, wie sie eine Dame ist, Pardon, eine Madame. Bei jeder Frage schaut sie, als wollte sie sagen: Etwas Besseres fällt Dir nicht ein, Darling? Old World Glamour. Sie nimmt ihre Handtasche auf den Schoß und holt eine Schachtel Zigaretten heraus; die Stengel sind dünn wie Grashalme. Sie zündet sich eine Zigarette an, und als sie merkt, dass sie versehentlich die falsche Seite in Brand gesetzt hat, zischt sie sehr streng: „Merde!“. In Zeitlupe führt sie zwei Finger an die große Flamme am Filter, drückt langsam zu, erstickt das Feuer, zerknüllt die Zigarette und wirft sie auf den Tisch. An der nächsten Zigarette zieht sie so stark, dass die Glut auf ihren Mund zuzurasen scheint. Man reicht ihr für die Asche eine Untertasse, doch Deneuve lehnt ab. „Rauchen ist hier verboten“, sagt sie und schmunzelt.

Sie ist ja nicht bloß eine Schauspielerin, sondern ein Symbol. Die Verkörperung der Glanzzeit des europäischen Kinos. Des Mondänen.Als 21-Jährige wurde sie 1964 in Jacques Demys „Die Regenschirme von Cherbourg“ weltberühmt. Sie drehte „Ekel“ mit Roman Polanski, „Belle de Jour – Schöne des Tages“ mit Luis Bunuel, „Die letzte Metro“ mit Francois Truffaut. Sie bekam einen Sohn mit dem Regisseur Roger Vadim. Sie war mit Marcello Mastroianni, mit dem sie eine Tochter hat, das schönste Paar des Jetsets der 1970er Jahre. Sie war liiert mit dem Fotografen David Bailey. Sie ist „die Deneuve“.

Wie war das damals, als ihr nach einem Film plötzlich die ganze Welt zu Füßen lag? „Ach, so war es ja nicht“, sagt sie. „Ich war nicht plötzlich berühmt. ,Regenschirme‘ war erfolgreich, ja sicher. Aber es ging doch sehr langsam. Nicht so schnell wie heute. Es gab ja kein Instagram. Was gut war, denn so wurden die Leute nicht so schnell satt und gelangweilt. Heute geht es zu schnell, es sind zu viele Dinge, die auf einen einprasseln.“

Sie macht aus dem Interview eine Gala. Sie spricht Englisch, flicht immer wieder französische Sätze ein. Sie ist ganz bei sich. Ihre Stimme ist tief und angerauht. Sie kokettiert. Schaut abwechselnd spöttisch, amüsiert, herablassend und mitleidig. Als man sie fragt, ob sie zur Vorbereitung auf die neue Rolle den populären Soziologen Didier Eribon gelesen hat, der viele Probleme der französischen Gesellschaft analysiert, entgegnet sie kühl: „No.“ Und als sie merkt, dass einen die Kürze der Antwort irritiert, dreht sie genüsslich den Spieß um: „Was genau schreibt er denn?“, fragt sie. So sitzt man also da, referiert wie ein Schüler über Arbeiterklasse versus Oberschicht, über die Gelbwesten und den Front National, und als man fertig ist, entgegnet sie: „Das gab es immer. Da haben schon viele drüber geschrieben.“ Es kommt einem der Titel der Memoiren von Peggy Guggenheim in den Sinn: „Ich habe alles gelebt“.

Sie wirkt gut aufgelegt, auf strenge Art charmant. Guter Zeitpunkt für eine etwas knifflige Frage: Sie haben mit Roman Polanski gearbeitet, was denken Sie über ihn? „Er war toll. Er war Schauspieler, bevor er Regisseur wurde. Er war sehr präzise. Wir kamen gut miteinander aus. Ich mag ihn sehr.“ Immer noch, auch nach den Vorwürfen gegen ihn? „Er ist seltsam und verrückt. Aber ich mag ihn.“

Deneuve zündet sich eine weitere Zigarette an. Sie ascht in die leere Verpackung. Sie hat sich im vergangenen Jahr in der Me-Too-Debatte zu Wort gemeldet. In einem Gastbeitrag für die Zeitung „Le Monde“ warnte sie vor einer totalitären Gesellschaft. „Vergewaltigung ist ein Verbrechen“, hieß es in dem Text, der von 100 Frauen unterzeichnet wurde. „Aber hartnäckiges und ungeschicktes Flirten ist kein Delikt und eine Galanterie auch keine chauvinistische Aggression.“ Deneuve befürchtete ein Klima der Denunziation, schrieb sie. Sieht sie das heute noch so? „Ich kommentiere keine Kommentare“, sagt sie. Und dann kommentiert sie doch: „Es fühlte sich damals richtig an. Ich wollte bestimmte Dinge präzisieren und korrigieren. Alles, was ich sage, wird aus dem Kontext gerissen, dann wird es aggressiv. Deshalb bin ich jetzt vorsichtig.“

Sie trägt Halbschuhe ohne Strümpfe, man sieht den Ansatz eines kleinen Tattoos am linken Fuß. Deneuve, die Stil-Ikone. Im Januar ließ sie die Kleider, die ihr langjähriger Freund Yves Saint Laurent über Jahrzehnte hinweg für sie gefertigt hatte, versteigern. Eine Biographie in Couture. Das war doch bestimmt ein Einschnitt: Hat Sie das traurig gestimmt? „Das Haus in der Normandie hatte einen riesigen Dachboden. Und er war voller Kleider. Als ich es verkaufte, mussten die irgendwo hin. Es war melancholisch, ja. Aber Christie‘s hat die Versteigerung wunderschön eingerichtet.“ Außerdem kamen, so kann man es nachlesen, für 129 Stücke fast eine Million Euro zusammen.

Nur eine letzte Frage ist noch gestattet, Deneuve muss gleich zur Filmpremiere. Sie drehen so viel, wie schafft man das mit 75? „Ich hatte Zeit, mich daran zu gewöhnen“, sagt sie und lächelt milde. „Manchmal vermisse ich die Energie, die ich einst hatte. Ich kann nicht in dem Rhythmus von früher leben. Aber so ist das.“ Schräg gelegter Kopf, der Anflug eines Lächelns: Merci.

Als man wieder draußen vor dem Adlon steht, riecht man stark nach Rauch. Und hat total Durst auf Champagner.

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