Carpool Karaoke mit Paul McCartney

„Carpool Karaoke“: Paul McCartney rührt zu Tränen

Der Ex-Beatle fährt für eine TV-Show durch Liverpool. Er singt die alten Hits und erzählt von früher. So einfach, so wunderbar.

Die Frau Merkel hat natürlich viele andere Baustellen in diesen Tagen, aber es wäre doch schön, wenn sie bei Gelegenheit bitte ganz rasch ein Gesetz erließe, um sicherzustellen, dass künftig jedes Kind gleich bei der Einschulung dieses Video zu sehen bekommt. Allein wegen dieses Videos hat sich nämlich die Erfindung des Internets gelohnt, es hat das Zeug, die Welt besser zu machen und die Menschen daran zu erinnern, wofür sie auf der Welt sind: gute Laune haben nämlich, anderen gute Laune machen und genießen, dass alle da sind.

Im dem Video sitzt zu Beginn ein Mann in einem Auto. Er telefoniert und sagt, er brauche jemanden, und er borgt sich dafür sehr berühmte Sätze: „I need somebody, / Not just anybody / Won’t you please help me.“ Das sind natürlich Zeilen aus dem Lied „Help“ von den Beatles, und der, der da kommt und zu ihm ins Autos steigt, ist tatsächlich Paul McCartney. Aus dem Radio tönt „Drive My Car“, McCartney singt dazu, das Auto setzt sich in Bewegung, und dann sieht man erst, wo es fährt: in Liverpool. Auf der Penny Lane.

„Carpool Karaoke“ heißt diese Sendung, man findet sie leicht bei Youtube. Sie ist regelmäßiger Bestandteil der „Late Night Show with James Corden“. Und der Clou besteht darin, dass berühmte Musiker sich neben den englischen Moderator ins Autos setzen, ein bisschen reden und beim Kutschiertwerden ihre eigenen Songs mitsingen. Seit rund drei Jahren gibt es das von CBS produzierte Format. Adele war schon da, die Red Hot Chili Peppers und Mariah Carey, und jede neue Folge wird im Internet vielfach geteilt. Allerdings keine so oft wie die mit Paul McCartney: Rund 15 Millionen Mal wurde sie bis gestern bei Youtube geklickt. Diese Episode ist besonders, sie ist länger als gewohnt, 23 Minuten, und sie geht tiefer. Stellenweise sogar unter die Haut.

Das ist arg pathetisch, werden manche denken. Das sind jene, die den Film nicht kennen. In der siebten Minute erzählt McCartney einen Traum. Er hatte ja seine Mutter früh verloren, und dem trauernden jungen Mann erschien sie bald im Schlaf. Sie tröstete ihn, und sie sagte, dass er es einfach geschehen lassen möge: Lass es laufen, Paul. Am nächsten Morgen schrieb er eines der schönsten Lieder aller Zeiten, „Let It Be“ heißt es, und genau dieses Lied läuft in „Carpool Karaoke“ genau jetzt im Radio. McCartney singt mit, und da merkt auch der härteste Hund, dass man Gänsehaut an den Haaren bekommen kann. Dem Moderator James Corden kullern jedenfalls die Tränen über die Wangen. „Mein verstorbener Großvater spielte mir das Lied einst vor“, sagt er, „wenn er doch hier sein könnte.“ McCartney hört auf zu singen und sagt: „Er ist hier. He is.“

McCartney sieht gut aus, das schon, aber er sieht ehrlich gesagt auch ziemlich alt aus, was einem womöglich nur deshalb auffällt, weil er doch immer so jungenhaft wirkte. Er ist 76, und dass man nach Ansicht dieses Videos unbedingt jemanden zum Umarmen braucht, liegt auch daran, dass man bei der Ansicht mitunter daran denken muss, wie wohl eine Welt ohne ihn wäre. Schwarzweiß bestimmt, mit Permafrostboden und ohne Lachfalten. Zum Glück singt er dann „Penny Lane“ und besucht den im Lied verewigten Barber Shop, und die alte Dame, die heute dort arbeitet, kann es nicht fassen: Herr McCartney!

Sie besuchen das Haus, in dem McCartney aufgewachsen ist. Er erzählt, wie er mit John Lennon „She Loves You“ schrieb. Paul war so stolz auf den Song, dass er ihn sofort seinem Vater vorspielte. Ach, Paul, sagte der. „Es gibt schon so viele Amerikanismen. Wollt ihr nicht lieber ,She loves you, yes, yes, yes’ singen?“ Aber Paul sagte: „Nein.“

Ehrlich: Jeder weitere dieser eine Millionen Mal gehörten Beatles-Songs in diesem Video rührt einen so immens an, dass man ständig schlucken muss. Woran liegt das bloß, dass diese mehr als 50 Jahre alten Stücke einen so packen? Daran: Jeder Mensch kommt mit einem Vorrat an Melodien auf die Welt, und die Beatles haben diesen Schatz geborgen, die Melodien eingesammelt, auf Platte gepresst und den Menschen geschenkt. Die zwei wichtigsten Lehren aus der Geschichte lauten: Afrika ist die Wiege der Menschheit, und Liverpool die Wiege der Menschlichkeit.

Zum Schluss erlauben sie sich einen Spaß in einem jener Pubs, in denen die Beatles früher aufgetreten sind. Ein Teil des Lokals ist mit einem Vorhang abgetrennt. Als jemand in der Jukebox einen Beatles-Song wählt, geht der Vorhang auf, und McCartney steht mit seiner Band auf einer Bühne und singt „A Hard Day’s Night“. Er singt „Ob-La-Di, Ob-La-Da“, „Love Me Do“, und am Ende „Hey Jude“, und da zieht es einem endgültig den Stecker. Der weise alte Mann! Die Zuhörer reichen ihm ein Bier, sie geben es weiter von der Theke bis an die Bühne, von einem zum anderen, und obwohl das Glas durch so viele Hände geht, wird kein Tropfen verschüttet. Das Bier ist für Paul.

Als das Auto an der St. Barnabas’ Church vorbeifährt, sagt McCartney, hier habe er im Chor gesungen, hier habe alles begonnen. Der Moderator entgegnet: „Wie gut, dass es diesen Chor gab.“ Man nickt und denkt: Aber echt!

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