Caroline Stolz startet Intendanz am RLT Neuss mit Komödie von Michael Frayn

Spielzeitauftakt im RLT Neuss : Schwere Stoffe auf leichte Weise

Die neue Leiterin des Rheinischen Landestheaters ist klug in die Saison gestartet.

Über einen Mangel an Arbeit dürfte Caroline Stolz, seit Anfang August offiziell die neue Intendantin des Rheinischen Landestheaters Neuss, in den vergangenen eineinhalb Jahren nicht geklagt haben. Nicht nur, weil sie einen Sohn bekommen hat, sondern vor allem, weil ihr zweiter Spielplan am RLT schon vorliegen musste, bevor der erste überhaupt gestartet werden konnte. Es ist typisch an Landestheatern, dass deren Intendanten ihrer Zeit immer um mindestens eine Spielzeit voraus sein müssen, schließlich will um sogenannte Abstecher, sprich: Gastspiele in anderen Kommunen geworben werden.

Im Falle von Stolz ist das nur mit großen Vertrauensvorschüssen seitens der Abstecher-Kommunen möglich. Denn die Handschrift der regieführenden Intendantin ist erst richtig deutlich geworden, als ihre erste Inszenierung zu Beginn der aktuellen Spielzeit im September herauskam. Mit einer Uraufführung von Michael Frayn trumpfte sie auf, und mit einer Komödie dazu. Die Bühnenfassung zu Frayns „Streichholzschachteltheater“, das der Autor als Buch veröffentlicht hatte, stammt zwar von ihm und wurde am RLT erarbeitet. Aber viel wichtiger war doch: Wie geht Stolz mit einer Komödie um? Wird es klamaukig? Ein bisschen flach vielleicht? Und ist es nicht ein bisschen arg zahm, nicht nur mit einer Komödie herauszukommen, sondern wenig später auch noch die Junk-Oper „Shockheaded Peter“ hinterherzuschieben?

Ein Blick auf die Reaktionen der Zuschauer aber zeigt: Stolz hat es richtig gemacht. Ihre Inszenierung ist klug und pointiert, straff hält sie die Fäden des „Streichholzschachteltheaters“, eine pure Szenencollage, zusammen und setzt dabei ganz auf die den Situationen innewohnende Komik. Unterhaltsam ist ihre Inszenierung, aber sie bietet auch genug Futter zum Nachdenken über jede Form der missverständlichen Kommunikation – zwischen Eheleuten, zwischen Arzt und Patient, zwischen Reporter und Moderatorin.

Das Ensemble, das sie fast in einer Drittelmischung aus neuen Verpflichtungen, von ihrer alten Wirkungsstätte Trier mitgebrachten Schauspielern und übernommenen RLT-Ensemblemitgliedern zusammengestellt hat, funktioniert bestens. Vielleicht wird das zum Credo der neuen Intendantin Caroline Stolz: Schwere Stoffe auf eine leichte Weise so zu inszenieren, dass sie niemanden verschrecken – auch Puristen nicht. Zumindest am Anfang und am Ende einer Spielzeit, die im Juni mit „Shakespeare in Love“ schließt.

Und dazwischen liegen schwerer zu verdauende Stücke: „Wer hat Angst vor Virgenia Woolf?“, „Vor dem Entschwinden“ oder „Schade, dass sie eine Hure ist“. Ein Schwergewicht der deutschen Theaterliteratur gab es schon: Goethes „Faust“. Im Originaltext, aber in nur 100 Minuten. Auf das Wesentliche reduziert von Regisseur und Schauspieler Tom Gerber, der seine Arbeit vom Staatstheater Wiesbaden mit nach Neuss gebracht hat und mit ihr die Reihe „White BoxX“ begründet. Ein Glücksfall, der Lust auf mehr macht – in der nächsten Spielzeit steht dort Lessings „Nathan“ auf dem Plan. Erst am Sonntag feierte zudem „In einem tiefen, dunklen Wald“ des „Sams“-Erfinders Paul Maar Premiere. Regisseur Dirk Schirdewahn inszeniert das Familienstück als farbenfreudige Verwechslungs-Geschichte um falsche Prinzen und echte Prinzessinnen, mit dem die vier Darsteller nun auf Tournee gehen.

„Was ist Familie?“ ist das Motto, mit dem Stolz ihre erste Spielzeit in Neuss gestartet hat. Aber es gibt sie nicht, die eine Antwort. Doch es gibt viele – und viele Spielarten.

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