Erste Vorlesung an Heinrich-Heine-Uni So war Campinos erste Vorlesung als Gastprofessor

Düsseldorf · „Punkrock und Poesie“ kann man an der Heinrich-Heine-Universität nicht studieren. Doch einer, der sich damit auskennt, kam am Dienstag auf den Campus und als Dozent in den Hörsaal. So war die erste Vorlesung von Campino als Gastprofessor.

Campino hält Vorlesung an der Heinrich-Heine-Uni in Düsseldorf​
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Campino hält Vorlesung an der Heinrich-Heine-Uni in Düsseldorf

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Foto: Anne Orthen (orth)

Natürlich kann Campino nicht nur Punk, sondern auch Poesie. „Kästner, Kraftwerk, Cock Sparrer. Eine Liebeserklärung an die Gebrauchslyrik“ hat der Frontmann der Toten Hosen seine erste von zwei Vorlesungen als Gastprofessor an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität (HHU) überschrieben. Gemeinsam mit Freund und Band-Gitarrist Kuddel sorgte der diesmal gar nicht so punkige Rocker für Gänsehaut-Feeling im großen und natürlich seit langem ausgebuchten Hörsaal. Was die Vorlesung den Studierenden bot? Eine ganz und gar unkrawallige, persönliche Liebeserklärung mit ein bisschen Kästner, ein bisschen Kraftwerk und vielen weiteren Gedichten.

Selten ging es in dem größten Hörsaal der Heinrich-Heine-Universität musikalischer und rockiger zu. Der Sänger der Toten Hosen betrachtete als Gastprofessor Texte, die ihn inspiriert haben, und brachte als musikalischen Verstärker Gitarrist Kuddel mit.

Seine erste Begegnung mit Gedichten war ernüchternd, schilderte Campino. „Es war in der vierten Klasse: ,Der Herr Ribbeck von Ribbeck im Havelland‘.“ Trotz aller Mühe sei er damals nicht über ein paar auswendig gelernte Zeilen hinausgekommen. Ähnlich sei es ihm einige Schuljahre später mit „Der Bürgschaft“ ergangen. Danach habe er sich für viele Jahre von der Lyrik verabschiedet. Aber nachdem die gestohlene Birne des Herrn Ribbeck lange genug in ihm gegärt hatte, wurde – viele Jahre später – ein Hosen-Song daraus: „Die Opel-Gang“

Erst durch englische Texte aus der Punkbewegung habe er sich der Poesie wieder angenähert. Und plötzlich sei die „Birnbaumproblematik“ des Herrn Ribbeck weg gewesen. „Ich konnte mir wieder Texte merken. Die Lieder sind uns ins Herz gegangen. Das war unser Lebensgefühl. Es gab uns Jungs in der zweiten-dritten Reihe die Würde zurück.“

In großen Sprüngen las und sang sich Campino durch seine Jugendzeit, erinnerte sich an den Ratinger Hof und die schrille Kunstszene dort. Er erklärte, warum sein Lebensgefühl aus der englischen Punkbewegung kam, wie er Ton, Steine, Scherben und Hannes Wader seinerzeit ignoriert habe. „Ein Versäumnis“, sagt der Gastprofessor heute.

Es war eine nachdenkliche Lesung. Campino zitierte nämlich den einst von ihm unbeachteten Hannes Wader mit einem Liedtext über seine Mutter und schickte direkt den Toten-Hosen-Song „Zu Besuch“ hinterher, den Campino nach dem Tod seiner Mutter geschrieben hat. Noch einmal Gänsehaut gab es dann, als der Sänger mit dem Lied „Draußen vor der Tür“ auch an seinen Vater erinnerte.

Von dort sprang Campino zu einem Konflikt mit seinem Vater, als er den Wehrdienst verweigerte, und kam schließlich zum Pazifismus. So las er eindringlich „Die andere Möglichkeit“ von seinem Lieblingsdichter Erich Kästner. „Kästner hat das nach dem Ersten Weltkrieg verfasst. Man könnte meinen, es sei vorgestern geschrieben worden“, sagte Campino. Das Gedicht habe ihnen als Toten Hosen auch die Kraft und den Mut gegeben, sich politisch zu positionieren.

Aber sind die Toten Hosen noch eine Art Subkultur, wenn man im Hörsaal der Universität liest? Das ist freilich einer eher akademische Frage. Denn jenseits aller Theorie freut sich Campino, dass er als Gastprofessor an die Heinrich-Heine-Universität eingeladen worden ist, wie schon vor zwei Jahren sein Freund, der Schauspieler Klaus Maria Brandauer.

„Holen wir uns einen Systemgegner ins Haus?“, hatte zuvor HHU-Sprecher Achim Zolke gefragt. „Einen Gegner nicht, eher einen Systemkritiker“, antwortete darauf Uni-Rektorin Anja Steinbeck. „Und wenn man an unseren Namenspatron Heinrich Heine denkt, der auch aus Düsseldorf kommt und sich auch mit spitzer Feder gegen das Establishment gestellt hat, dann ist unsere Wahl eigentlich doch recht naheliegend.“ Und schwupps war man mittendrin in der Einführung Campinos als Gastprofessor der HHU.

Rund 30.000 Menschen hatten sich beworben, um die Vorlesung des Toten-Hosen-Sängers zu hören. Gut 500 Tickets konnten verlost werden. Für Campinos zweite Vorlesung soll vielleicht zwei Hörsäle geben. Die Registrierung für die Vorlesungskarten beginnt am Mittwoch. „Wir hatten noch mit keiner Veranstaltung so einen Aufwand“, sagt die Rektorin.

„Ich habe mich sehr gefreut über diese Einladung. Die Vorbereitung war kein großes Ding. Ich habe Hunderte von Gedichten gelesen. Das war ein großer Spaß. Und wenn ich davon etwas in der Vorlesung rüberbringen kann, habe ich meinen Job hier gemacht“, sagte der Frontmann der Toten Hosen. Bei Bekanntgabe der Gastprofessur hatte Campino gesagt. „Schade, dass meine Eltern nicht mehr erleben können, dass ich es, zwar im fortgeschrittenen Alter, aber immerhin, doch noch an die Uni geschafft habe. Ich freue mich auf diese Herausforderung.“ Campino alias Andreas Frege (61) stammt aus einer Akademiker-Familie. Sein Vater war Richter, seine Mutter, gebürtige Engländerin, studierte in Oxford. Seine ältere Schwester ist Balletttänzerin und Buchautorin, der Bruder Rechtsanwalt.

Zum Inhalt seiner ersten Vorlesung sagte Campino, dass Erich Kästner sein Lieblingsdichter sei. Wenn er irgendwohin nur ein Buch mitnehmen könne, so sei das ein Gesamtwerk von Kästner. Kraftwerk wiederum sei eine Schnittstelle zwischen Kunst und Musik. Vieles wüssten die Literaturprofessoren und Studenten der Uni sicherlich besser. „Ich habe die eine Karte gezogen, die nur ich ziehen kann. Ich beschäftige mich mit Texten, die mich inspiriert haben. Und ich mache Themensprünge“, sagte Campino. Er wolle Lyrik und Lyrics überhaupt nicht trennen. „Der Unterschied ist: Bei mir ist der Anfang das auslösende Element in der Musiksprache. Und ich komme eher mit einer schlampigen Textzeile davon.“

Campino auf dem Campus? Das hatte es 1985 in der Mensa der Universität schon einmal gegeben. Einiges war dabei zu Bruch gegangen. Lachend fügte er hinzu: „Danach war die Mensa nicht wiederzuerkennen. Damals hätte ich mit Hausverbot gerechnet.“ Aber es sei ein besonderes Konzert, weil sein Vater erstmals da gewesen sei.

In der Zeit gab es ansonsten wenige Berührungspunkt zwischen der Universität und dem Tote-Hosen-Sänger. Zwar war er Anfang der 1980er-Jahre für Englisch und Geschichte eingeschrieben, aber „die HHU und ich waren damals gut beraten, uns nicht öfter zu begegnen“, sagte der Musiker grinsend.

Zu der leidigen Punk-Frage sagte Campino, als Punk hätte man ihn im Oktober 1985 befragen sollen. „Heute halte ich nicht mehr für die Revolution her. Leute, ich bin 61 Jahre. Die Jugend hat ihre eigenen Helden, und das ist gut so. Ich komme hier als Elder Statesman.“

Befragt, ob es nicht weitere Gastprofessoren aus der Musik an der HHU geben solle, schlug Campino den Rapper Marteria und Jan „Monchi“ Gorkow von Feine Sahne Fischfilet vor.

Der Sänger der Band Die Toten Hosen, Campino (l), singt bei seiner Gastvorlesung an der Universität Düsseldorf neben dem Gitarristen Andreas von Holst alias Kuddel.

Der Sänger der Band Die Toten Hosen, Campino (l), singt bei seiner Gastvorlesung an der Universität Düsseldorf neben dem Gitarristen Andreas von Holst alias Kuddel.

Foto: dpa/Oliver Berg

Und zum Schluss der gut zweistündigen Vorlesung: Natürlich noch mal Heine und ein vertonter Versuch von Hermann Hesses Gedicht „Im Nebel.“ Gigantischer Applaus nach zwei Stunden Lyrik, Lyrics und Hosen.

(saja )
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