1. Kultur

Bürgerlich ist ... die Erkundung eines Phänomens in zehn Begriffen

Bürgerlich ist ... : Die Erkundung eines Phänomens in zehn Begriffen

Über das, was bürgerlich ist, gibt es viele Ideen, Vorstellungen, Klischees. Und zunehmend scheint er in die Kritik zu geraten. Eine Annäherung.

Nicht erst seit dem christdemokratischen Wahldebakel fragen sich viele, was eigentlich noch und überhaupt bürgerlich ist. Aber seit der Wahl eben ganz besonders. Das fragen wir uns auch und versuchen das Phänomen in zehn Stichworten zu erkunden.

Also: Bürgerlich ist...

  • ... Bildung. Was zunächst dem Bürgertum nicht vorgeworfen werden darf. Das sogenannte und inzwischen dezimierte Bildungsbürgertum ist konzentriert anzutreffen in Oper- und Schauspielhäusern. Und mit dem „Bürgerlichen Trauerspiel“ schuf es sich ein eigenes Genre. Die Idee der Emanzipation bekam damit eine eigene Form, wie es Walter Benjamin beschrieb. Bildung gehört tatsächlich zum wesentlichen Habitus des Bürgertums seit seinem Erwachen Ende des 18. Jahrhunderts. Mit dem gebildeten „Citoyen“ war damals aber der Staatsbürger gemeint. Im Preußischen Landrecht von 1794 ist erstmals vom „Bildungsbürger im Staatsdienst“ die Rede.
  • ... Wohlstand. Ja, auch das ist eine nicht ganz unerhebliche Facette des Bürgers. Das Bürgertum ist ein bunter Sammelbegriff, der nötige Besitz aber ist eine der Schlagbäume. Das ist dann also der Wirtschaftsbürger, der Bourgeois ist einer, der – nach Karl Marx – in Besitz der Produktionsmittel ist.
    • Volker Wissing (l-r), Generalsekretär der FDP,Lars
      Vorentscheidung erwartet : Ampel-Parteien kommen zu womöglich letzten Sondierungsgesprächen zusammen
    • Wilder Müll am Moosweg: Die Uhr
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    • Annalena Baerbock (l-r), Bundesvorsitzende von Bündnis
      Einigung auf Sondierungspapier : SPD, Grünen und FDP streben Koalitionsgespräche an
  • ... spießig. Diese vermeintliche Eigenschaft hat sogar einen eigenen Begriff, den des Spießbürgers. Zu seiner Ausstattung gehören unter anderem der Gartenzwerg im gepflegten Vorgarten, Einfamilienhäuser, der Bausparvertrag, Pantoffeln, die Tugenden Ordnung und Fleiß und – ganz früher – auch der VW Jetta.
  • ... gutbürgerliches, deutsches Essen. Wobei zu erklären wäre, was „deutsches“ Essen genau ist. Reden wir deshalb lieber von der „gutbürgerlichen“ Küche. Dieser Hinweis ist gelegentlich noch auf Hinweistafeln von – sagen wir mal – traditionsreichen Lokalen zu lesen. Machen wir uns kulinarisch nichts vor: In der Regel meint das heute noch Jägerschnitzel mit Pommes und Salatbeilage.
  • ... mal klein, mal groß. Das Klein- und Großbürgertum trennen Welten. Rechtschaffen und emsig sind die einen, sehr gediegen und fast schon repräsentativ ist das Auftreten der anderen. Unter ökonomischen Aspekten markieren Klein- und Großbürger die Eckpunkte auf der Skala des Bürgerlichen. Der Kleinbürger liebt seinen Dackel, der Großbürger sein Reitpferd; der Kleinbürger wandert gerne, der Großbürger schätzt die Jagd. Genug der Klischees.
  • ... Staatstreue. Ja, das wird dem Bürger sehr oft nachgesagt. Obwohl auch bürgerliche Revolutionen bekannt sind. Die berühmteste hierzulande dürfte die von 1848 gewesen sein. Nach dem Scheitern zog sich das Bürgertum erst einmal aus der Politik zurück und wurde dann die Triebfeder einer wirtschaftlichen Umwälzung: in der industriellen Revolution. Politik und Bürgertum ist bis heute ein Reizthema; und es schwelte von Beginn an.
  • ... politisch. Natürlich kommt einem sofort die Französische Revolution von 1789 in den Sinn, die das Bürgertum damals als Dritten Stand bezeichnete und den Sturz der „gottgegebenen“ Monarchie betrieb. Als politische Kraft wurde sie von den Mächtigen oft gefürchtet. Wie anders ist der Aufruf zu erklären, dass 1806 der Berliner Gouverneur Friedrich Wilhelm Graf von der Schulenburg nach den Niederlagen gegen Napoleon von Jena und Auerstedt verkündete: „Jetzt ist Ruhe die erste Bürgerpflicht“?
  • ... und vor allem aufklärerisch. Gerade die Epoche der Aufklärung gab der bürgerlichen Gesellschaft ihre geistigen Konturen. Die erkämpften Bürgerrechte sind der erste wichtige Schritt zur Formulierung von Menschenrechten. Bei Immanuel Kant heißt es: „Ein größerer Grad bürgerlicher Freiheit scheint der Freiheit des Geistes des Volkes vorteilhaft.“
  • ... vornehmlich städtisch. Dann gibt es in ländlichen Gegenden also keine Bürger. Das ist natürlich dummes Zeug. Allerdings bildet sich in Städten eine Bürgergesellschaft viel prägnanter. Und das hat vielleicht mit ihren Ursprüngen zu tun: Schon im frühen Mittelalter ist vom „burgus“ die Rede. Das war jemand, der hinter vergleichsweise sicheren Stadtmauern lebte und überdies über einige Privilegien verfügte. Dazu gehörten dann unter anderem Marktrechte. Das machte früh schon selbstbewusst.
  • Bürgerlich sind also auch wir? Wer bürgerlich ist, wird heute kaum noch gesellschaftlich definiert. Vielmehr steht dahinter eine Haltung, stehen Werte – darunter etliche, die bis heute der Kitt unseres gesellschaftlichen Lebens sind.