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Büchner-Preis für die Lyrikerin Elke Erb

Georg-Büchner-Preis : Ihre Gedichte sind nicht in Stein gemeißelt

Die 82-jährige Lyrikerin wir din diesem Jahr mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt, der bedeutendsten Literatzurauszeichnung Deutschlands. Ihre Anfänge machte die in der Eifel geborene und in Halle aufgewachsene Dichteirn als Übersetzerin.

Elke Erb hatte wohl kaum jemand auf der Rechnung. Was erst einmal ein gutes Zeichen ist und dem Georg-Büchner-Preis attestiert, nicht immer nur das längst und von allen Erwartbare zu beehren. Allerdings elektrisiert die Entscheidung der Jury-Entscheid nicht. Deutschlands renommierteste und mit 50.000 Euro hochdotierte Literaturauszeichnung gilt einer 82-jährigen Dichterin, die das Schicksal so vieler Lyriker teilt: nämlich eher am Rande wahrgenommen und vor allem von einem Fachpublikum geschätzt zu werden. Die öffentliche Anerkennung geschieht dann meist über Ehrungen – wie auch bei Elke Erb, der in den vergangenen drei Jahrzehnten die meisten wichtigen Lyrikpreise zuerkannt wurden.

Natürlich ist es müßig, über andere Autoren nachzudenken und die Jury zu kritisieren. Elke Erb ist eine würdige Preisträgerin, keine Frage. Man hat mir ihr nichts falsch gemacht. Doch einen Impuls in die deutschsprachige, vielleicht auch jüngere Gegewartsliteratur hinein wird nicht ausgesendet. Auch der seit Jahren gebeutelte und zuletzt durch Corona noch einmal zusätzlich in Mitleidenschaft gezogene Buchhandel dürfte nicht so sehr frohlocken. Andererseits ist der Büchner-Preis auch kein Marktinstrument der Branche.

Zur Preisträgerin: Elke Erb hat gewissermaßen den klassischen Weg einer Dichter-Laufbahn beschritten. Sie hat nämlich nicht gleich zu dichten begonnen, sie hat nicht sofort ihr Leben und ihre Empfindungen in Versen zu begreifen und zu vermitteln versucht. Vielmehr hat sie sich Dichtung erst einmal einverleibt – unter anderem als Lektorin im Mitteldeutschen Verlag in Halle.

Auch danach war es noch nicht Zeit für die Dichterin. Erst ging Erb auf Reisen, unter anderem nach Georgien, wo die Lyrik so viel bedeutsamer für die Menschen ist als in Deutschland. Dort hat sie begriffen, was Dichtung sein kann. Und sie fand in Marina Zwetajewa (1892-1941), eine der großen lyrischen Stimmen Russlands, eine Lehrmeisterin. Am besten lernt man durch Aneignung; und so übersetzte sie viele Gedichte der Zwetajewa. Die erschienen 1974 und bereiteten den Boden fürs eigene Werk, das mit dem Band „Gutachten“ ein Jahr später seinen Anfang nahm.

Das ist ihr Prolog, der berichtet und dichtet, wie es mit ihr, der neuen Dichterin begann. Wie sie mit  Mutter und Schwestern in der Eifel aufwuchs, wie die Familie dem Vater nach Halle folgte, der – aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt – eine bessere Zukunft im Osten Deutschlands zu finden hoffte; ein mühevolles Leben beginnt. Doch bei Erb findet sich keine Klage darüber; ihr „Gutachten“ wird ein literarisches Bild, das zeigt, was war.

Es folgen weitere Bände, die bei aller lyrischen Vielfalt doch im Ton und vor allem in ihren Motiven erkennbar bleiben. Elke Erb bildet das Leben ab, den Alltag, der manchmal groß sein kann, aber eben oft klein ist. Diesem Alltag rauben die Verse seine Banalität. Ihr sogenanntes Meisterwerk erscheint dann früh – schon 1987. „Kastanienallee“ wird gerühmt. „Im Treppenhaus Kastanienallee 30 nachmittags / um halb fünf roch es flüchtig / nach toten, selbstvergessenen Mäusen“, lautet das Gedicht „Kastanienallee, bewohnt“. Das Ungewohnte, Neue, auch Freche in diesem Band sind die mitgelieferten Kommentare, die neben den Gedichten wie Wasserträger herlaufen. Sie sollen den Texten beistehen, hat Erb einmal gesagt. Aber nicht, weil die Lyrik nicht auch für sich stehen könnte, sondern: „Sie sind mir als lebende Wesen, als etwas, das in einer Echtzeit lebt, entlaufen“, so die Dichterin.

Nach Kastanienallee betritt die Lyrikerin Elke Erb endgültig die Bühne des Literaturbetriebs. Ein Jahr später wird ihr der Peter-Huchel-Preis zugesprochen. Und es folgen viele weitere Auszeichnungen: der Erich-Fried-Preis und der Georg-Trakl-Preis, der Ernst-Jandl-Preis und der Heinrich-Mann-Preis, den sie 1990 mit ihrem früheren Ehemann Adolf Endler bekommt.

In einer Schaffenszeit, die man Spätwerk nennen darf und im vergangenen Jahr mit „Gedichtverdacht“ fortgesetzt wurde, bekommt sie jetzt die höchste Auszeichnung hierzulande: den Georg-Büchner-Preis. Geehrt wird damit eine Dichterin, die auch Lebenswelten des geteilten Deutschlands dokumentiert. In diesem Sinne wird die Preisträgerin im doppelten Sinne dem Namensgeber gerecht: Sie ist mit ihrem Werk sprachschöpferisch und politisch. Und dieses Werk so bald kein Ende finden wird, weil Erb ihre Gedichte nicht in Stein gemeißelt hat.

Und dieses Werk wird so bald kein Ende finden, weil Erb ihre Gedichte nicht in Stein gemeißelt hat. Sie begnügt sich micht mit dem, was ist. Ihre Dichtung darf nicht zum Abschluss kommen, keinen Stillstand kennen. So geben ihre Verse keine Ruhe, sind auf kraftvolle Weise unfertig und mitunter zeitgebunden. Auch darum schreibt Elke Erb ihre Gedichte immer um und neu und anders. Lyrik lebt, auch mit ihr.

Info Der Georg-Büchner-Preis ist mit 50.000 Euro dotiert und wird von der deutschen Akademie für Sprache und Dichtung am 31. Oktober Darmstadt verliehen.