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Buchkritik "Die Toten von Spoon River" von Edgar Lee Masters

Klassiker von Edgar Lee Masters : Geständnisse toter Mörder und Ehebrecher

Der amerikanische Literaturklassiker „Die Toten von Spoon River“ liegt endlich komplett auf Deutsch vor.

Wer meint, Lyrik sei eigentlich nichts für ihn, möge nun bitte trotzdem weiterlesen, denn diese Gedichte sind in ihrem Kern Kurzgeschichten. Man könnte sie Studenten einer Schreibschule vorlegen mit dem Auftrag, auf ihrer Grundlage Prosatexte zu schreiben. Es würde bestimmt der eine oder andere Roman dabei entstehen, und tatsächlich hat sich der österreichische Schriftsteller Robert Seethaler jüngst in seinem Buch „Das Feld“ auf diese Verse berufen.

Die Rede ist von „Die Toten von Spoon River“: Edgar Lee Masters hat die Gedichtsammlung 1915 veröffentlicht, und in den USA ist sie der meistverkaufte Lyrikband der Geschichte. Masters lässt die Toten von Spoon River, einem fiktiven Ort im Mittleren Westen, aus dem Grab heraus sprechen. Das Vorbild für die Form lieferte die Anthologia Graeca, eine Sammlung antiker Epigramme und Grabinschriften.

Edgar Lee Masters benutzt freie Verse, die er als „shredded prose“ bezeichnet hat, deshalb kann man seine Lyrik wie Prosa lesen. Und weil sich die Gedichte teilweise aufeinander beziehen und sie miteinander verflochten sind, entfaltet sich allmählich das Panorama kleinstädtischen Lebens, eine Soziologie der Zwischenmenschlichkeit. Der Pastor kommt zu Wort, die Selbstmörderin, der Richter und der Delinquent, die Ehefrau und ihr Liebhaber. Sie sprechen ganz offen, sie haben ja nichts mehr zu verlieren. Es geht um Mord, Ehebruch und andere Skandale, um gekränkte Ehre und Reue, und am Ende ersteht aus den Seiten eine Dorfchronik mit 244 Personen. Man kann sie ins Regal neben Erzählbände aus jener Zeit mit ähnlichen Themen stellen, neben „Winesburg, Ohio“ (1919) von Sherwood Anderson etwa und „Main Street“ (1920) von Sinclair Lewis.

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Für sein Konzert der Stimmen hat sich Edgar Lee Masters von echten Biografien aus den Orten inspirieren lassen, in denen er aufwuchs: Petersburg und Lewistown im Bundesstaat Illinois. Jedes Gedicht hat seinen eigenen Ton, jedes ist so individuell, dass es dem Sprechenden eine Persönlichkeit zugesteht. Richter Somers etwa kann es nicht fassen, dass das Dorf ihn vergessen hat, das Grab des Stadtsäufers hingegen ein Grabstein aus Marmor schmückt, vor dem die Menschen stehenbleiben. Doktor Hill schwärmt von seiner eigenen Beerdigung, und mancher hadert mit der Endgültigkeit und dem ewigen Gleichmaß im Jenseits: „Träume vom Leben. Sie schweben über mir.“ Bisweilen werden die Leser gar verhöhnt von den Wissenden auf der anderen Seite: „Ihr Lebenden, ihr seid wirklich Narren, / Die die Wege des Windes nicht kennen / Und die unsichtbaren Kräfte, / Die den Lauf des Lebens lenken.“

Dem Verlag Jung und Jung kommt nun das Verdienst zu, erstmals alle 244 Gedichte des auf Deutsch lange vergriffenen Bandes übertragen haben zu lassen. Übersetzer Claudio Maira forscht in seinem Kommentar den realen Vorbildern für die Personen nach, die Masters sprechen lässt. Für den 1950 gestorbenen Anwalt Masters waren die „Toten von Spoon River“ übrigens sein einziger Buch-Erfolg. Der gründet vielleicht auch in dem Ohrwurm, den er dem Leser in seiner Vorrede einsetzt. „Alle, alle schlafen auf dem Hügel“, heißt es da.

Der Satz wirkt wie ein Refrain: „Alle, alle schlafen auf dem Hügel.“

Info Edgar Lee Masters: „Die Toten von Spoon River“, Jung und Jung, 544 S.,
40 Euro.