Zum Tod von Rosamunde Pilcher

Rosamunde Pilcher †: Abschied von der Poetin der Steilküste

Rosamunde Pilcher war die Meisterin des Herzschmerzes in den Land-Idyllen Cornwalls. Mit 94 Jahren ist die Autorin in ihrer schottischen Heimat an einem Schlaganfall gestorben.

Natürlich ist es eine Kunst, mit Worten Welten zu erschaffen, in denen sich der Leser sofort willkommen, zuhause, ja geborgen fühlt. Rosamunde Pilcher war so eine Autorin. Sie erfand Figuren, die man kennt und mag, die edler, schöner, wohlhabender sind als man selbst, die aber durchaus zu ringen haben mit der Liebe und dem Leben. Und sie beschrieb Landschaften so sinnlich, dass man die Brandung an die Küste schlagen hört, den Regen auf der Haut spürt, das blaue Cape ein wenig enger um die Schultern zieht, bis es hinein geht in das hübsche Cottage, in dem das Kaminfeuer schon prasselt.

Pilcher war eine Beschreiberin, ähnlich wie heute vielleicht Jojo Moyes. Sie ließ den Leser nie allein, erzählte ihm auf Schritt und Tritt, was die Figuren tun, wie sie aussehen, was sie bewegt. Das schafft beim Lesen ein Gefühl wonniger Sicherheit. Man hüllt sich ein in die erdachten Welten, in denen keine Leerstellen klaffen, spaziert an den Steilküsten Cornwalls entlang, braust im Cabrio übers Land, verliebt sich in den Falschen, entdeckt doch noch die übersehenen Qualitäten der Jugendliebe. Vielleicht macht das den Sog ihrer Bücher aus: die Vertrautheit, die man von der ersten Seite mit ihren Geschichten spürt. Und vielleicht hat sie genau damit eines der großen Bedürfnisse unserer Zeit gestillt: das nach Zutrauen und Sicherheit. In Pilchers Idyllen geht es ja keineswegs nur harmonisch zu. Es wird gelitten und gestorben, geliebt und betrogen, Eltern hadern mit ihren Kindern, Kinder mit den Erwartungen ihrer Eltern, doch all die Dramen des Lebens überschreiten nie das erträgliche Maß, lassen nicht in hässliche Abgründe blicken, spielen stets im geschmackvoll möblierten Rahmen.

In ihre leidenschaftlichen Welten hat Rosamunde Pilcher sich anfangs selbst entführt. Als Mutter von vier Kindern lebte sie in den 1960er und 1970er Jahren ein solides Hausfrauenleben in Schottland. Doch wenn die Kinder in die Schule entschwanden, der Mann bei der Arbeit war, stellte sie ihre Schreibmaschine auf den Küchentisch und fantasierte los. Sie schrieb sich zurück an die Küste Cornwalls, wo sie aufgewachsen war. Und ließ sich Figuren einfallen, die das Gegenteil waren von ihr selbst. Denn Ros, wie sie in der Familie genannt wurde, war nüchtern und diszipliniert. Sie wuchs in einer strengen Offiziersfamilie auf und gab später in Interviews immer wieder zu Protokoll, dass sie die Schmetterlinge im Bauch, die sie so fein beschreiben konnte, selbst nie flattern fühlte. „Eine Ehe ist kein Wunschkonzert“ beschied sie der „Bunten“.

Schon mit 15, heißt es, begann Pilcher zu schreiben. Sie war 1924 in Cornwall zur Welt gekommen, arbeitete vor ihrer Ehe als Sekretärin im Außenministerium und meldete sich während des Kriegs zum „Women‘s Royal Naval Service“, arbeitete in Sri Lanka und Indien. Dort war sie auch, als der Krieg endete. Ihren ersten Geliebten hatte sie da verloren, und es muss sie Kraft gekostet haben, diesen Verlust wegzustecken, weiterzumachen. Jedenfalls heiratete sie bereits am 7. Dezember 1946 Graham Pilcher, wurde Ehefrau und Mutter, erfüllte die Erwartungen. Ihre ersten Erzählungen veröffentlichte sie unter Pseudonym in Frauenzeitschriften, auch die frühen Romane aus ihrer Schreibmaschine brachten keinen Ruhm, sondern ein bisschen Extrageld in die Haushaltskasse. Sie war schon Mitte 60, als es doch noch diesen Durchbruch gab, 1987 mit „Die Muschelsucher“. Auch die Geschichte der unglücklich verheirateten Penelope ist voller Herzschmerz, aber im Rückblick mit schöner Gelassenheit und der Wärme einer erfahrenen Frau erzählt. Millionen Menschen hat das berührt und unterhalten, es hat sie in schönere Welten entführt und ihnen zugleich das Gefühl gegeben, dass andere auch diese Probleme haben mit undankbaren Kindern, falschen Lebensentscheidungen. Pilcher hat sich nie über ihre Leser erhoben, sie hat ihnen nur Ausflüge in gehobene Lebenswelten geschenkt. Und sie dankten mit Treue.

Natürlich haben auch die ZDF-Verfilmungen großen Einfluss genommen auf die Wirkung von Pilchers Werk. Auch wenn sich die Fernsehinszenierungen vom Herzschmerz an Cornwalls Küsten oft weit von ihren Vorlagen entfernten. Die schwelgerischen Naturaufnahmen, die schönen Menschen, die in diesen Filmen in gediegenen Landsitzen wohnen und vor dem Tee ihre Pferde ausreiten, schwirren selbst jenen Menschen im Kopf herum, die sich nie einen ganzen „Pilcher“ im Fernsehen antaten. Solche Bilder sind oft mächtiger als ein schriftstellerisches Werk, man hat sie im Kopf, wenn man einen Pilcher-Roman aufschlägt, ob man will oder nicht.

Doch die Bücher haben den Verfilmungen etwas voraus: den Ton der Autorin, diesen weisen Pilcher-Sound, der die melodramatischen Geschichten nicht süßlich verklebt, sondern mit britischer Gelassenheit durch die tragischsten Ereignisse führt. Es ist der Ton einer erfahrenen Erzählerin. Der Ton einer Frau, die schreiben musste. Rosamunde Pilcher hat sich am Küchentisch edle, aufregende, leidenschaftliche Welten erschrieben, in denen Menschen lieben, irren, betrügen, erlöst werden. Diese Welten bleiben.

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