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Nach dem Erfolg des Kinofilms: Ziemlich beste Freunde - die Biografie

Nach dem Erfolg des Kinofilms : Ziemlich beste Freunde - die Biografie

Die Geschichte des Querschnittgelähmten Philippe Pozzo di Borgo und seines rebellischen Pflegers bewegt im Film "Ziemlich beste Freunde" ein Millionenpublikum. Jetzt ist die Autobiografie Pozzo die Borgos erschienen, weniger lustig, doch bewegend in ihrer unsentimentalen Aufrichtigkeit.

An einem Sommertag im Jahr 1993 ist der Champagner-Unternehmer Philippe Pozzo di Borgo — Spross eines reichen, französischen Adelsgeschlechts — in die Querschnittlähmung gestürzt. Er hatte seinen Gleitschirm in extreme Höhen getrieben, hatte das Risiko gesucht, das Schicksal herausgefordert, sich wie ein Adler gefühlt. Und dann ist er aus den Wolken gefallen und hat sich das Genick gebrochen. "Für mich begann an diesem Tag meine Gegenwart", schreibt Pozzo di Borgo. "Alles, was ich bin, bin ich im Augenblick."

Mehr als sechseinhalb Millionen Menschen in Deutschland kennen die Geschichte mittlerweile. Sie ist der reale Kern des Films "Ziemlich beste Freunde", der wochenlang die deutschen Kinocharts angeführt hat und noch immer erfolgreich läuft. Jetzt ist auch die Autobiografie Pozzo di Borgos auf Deutsch erschienen, ein Buch, das in Skizzen, in kurzen Episoden, wie sie aus der Erinnerung auftauchen, aus dem Leben eines Mannes erzählt, der nur noch den Kopf bewegen kann, immer wieder von Fieberschüben und Krämpfen geschüttelt wird. Pozzo di Borgo schreibt über die Welt des Leids, die er entdecken musste, über die Bedeutung der Hoffnung, über Zweckoptimismus, "diese lächerliche Lüge".

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Die Liebe seines Lebens

Und er schreibt über die Liebe seines Lebens, Béatrice, die lange vor seinem Unfall an Rückenmarkskrebs erkrankte und ihm doch der wichtigste Lebenshalt war. Als sie stirbt, notiert Pozzo di Borgo: "Ich habe keine Vergangenheit mehr, keine Zukunft, ich bin nur noch gegenwärtiger Schmerz."

Seine Lebenserinnerungen sind mehr als das Buch zum Film. Schon vor dem Unfall hätte der Franzose Anlass gehabt, mit dem Schicksal zu hadern. Seine Frau erlebte mehrere Fehlgeburten, zwei Kinder starben im siebten Schwangerschaftsmonat. Dann die Krebsdiagnose, für Béatrice begann ein jahrelanges Martyrium. Geschwüre an ihren Füßen mussten täglich geöffnet werden. Ihr Glaube hilft Béatrice, diese Jahre durchzustehen, doch am Ende ist sie erschöpft von ihren Qualen. Es war auch das Leid seiner Frau, dem Pozzo di Borgo entkommen wollte, wenn er zu seinen waghalsigen Gleitschirmflügen aufbrach. So sieht er es heute, da er verdammt ist, mit den Folgen des Unfalls zu leben.

Es geht im Buch weniger komisch zu als im Film, und doch stößt man in diesen unsentimentalen Aufzeichnungen auf jenen trockenen Humor, der auch den Film auszeichnet. Am deutlichsten wird das, wenn Pozzo di Borgo über seinen Pfleger schreibt, Abdel Sellou, den ungebildeten Algerier aus einem der berüchtigten Pariser Vororte, den Kleinkriminellen, der ihn pflegt, beschützt, zum Lachen bringt.

"Er ist unerträglich, eitel, stolz, brutal, unzuverlässig, menschlich. Ohne ihn wäre ich zugrunde gegangen", schreibt Pozzo di Borgo. Und dann berichtet er von den Gewaltausbrüchen seines Pflegers, der Konflikte im Straßenverkehr gern mit der Faust löst, oder von dem fehlgeschlagenen Versuch, mit ihm ein Leihwagen-Unternehmen aufzubauen. Man kann in diesen Passagen erkennen, wie die Filmemacher Eric Toledano und Olivier Nakache für "Ziemlich beste Freunde" die Wirklichkeit in milderes Licht getaucht haben. Von mancher Härte ist nur im Buch zu lesen. Doch auch in den Aufzeichnungen wird deutlich, wie Humor beiden Männern hilft, ihre Würde zu bewahren. Darin ähneln sie sich. Das macht sie ohne jede Heuchelei zu wahren Gefährten.

Humorgrundierter Hochmut

"Mir ist eine Mischung aus Fleiß und Hochmut eigen. Sogar nach den Schicksalsschlägen, sogar noch in meiner Bewegungslosigkeit bleiben dies meine widersprüchlichen Antriebskräfte", schreibt Pozzo di Borgo. Es ist dieser humorgrundierte Hochmut, mit dem sich Pozzo di Borgo gegen den totalen Autonomieverlust in seinem Körperpanzer wehrt. Und es gelingt ihm.

Der Film "Ziemlich beste Freunde" begeistert die Menschen, weil er eine gut gemachte Komödie mit frechem Witz und ein wenig Pathos ist. Das allein aber kann den enormen Erfolg nicht erklären. Es geht in dieser Geschichte um etwas Grundsätzlicheres, darum, dass es jenseits von Klassenunterschieden und körperlichem Leid noch etwas gibt: Menschlichkeit.

Es sagt viel über unsere Zeit, dass eine schlichte Geschichte über zwei Männer, die unter widrigen Umständen Menschlichkeit beweisen, die Zuschauer so rührt. Auch Pozzo di Borgo zieht aus seinem persönlichen Drama Schlüsse für die Gesellschaft: "Ich habe durch meinen Unfall die Härte eines Systems erkannt, das ausschließlich auf der Macht des Kapitals beruht, habe erkannt, dass die weltweite Verknappung der Zeit die Zerstörung der sozialen und familiären Netze nach sich zieht." Sein schmerzgeplagtes, mühsames Leben habe ihm die Augen für das Wesentliche geöffnet, schreibt er. Es ist lehrreich, von den Erkenntnissen solcher Menschen zu lesen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Ziemlich beste Freunde - Adel trifft Ghetto

(das)