Buch-Kritik: Werner Schmidli: Oswalds Kater

Buch-Kritik : Werner Schmidli: Oswalds Kater

Das Alter lastet schwer auf Oswald. Er erwartet nicht mehr viel vom Leben. Zum Sterben zieht er sich auf eine griechische Halbinsel zurück. Doch dann kommt alles anders als gedacht. Der Roman "Oswalds Kater" von Werner Schmidli erzählt die Geschichte eines alten Mannes, der durch eine verwahrloste Katze neuen Lebensmut gewinnt.

Es ist Frühsommer, Oswald sitzt morgens im Café am Meer in Gesellschaft von sieben Katzen. Die Gesellschaft von Menschen sucht Oswald nicht mehr, für eine Unterhaltung reichen seine Sprachkenntnisse nicht aus. Seit er angekommen ist, sitzt er am Meer, spaziert durchs Dorf und in die Hügel, wartet auf die Fähre, wirft Steine ins Wasser. Am Abend isst er in einer Taverne, trinkt Retsina, betrinkt sich zuweilen. Er will nicht Tag und Zeit wissen. Er will dem Leben bei klarem Verstand ein Ende setzen.

Aber dann kommt die grauweiße Katze. Sie ist wie er, alt, krank und verletzt, verbraucht, vielleicht des Lebens müde. Oswald befürchtet, sie habe gegen die anderen Katzen keine Chance, bei den Fischerbooten auch nur einen Happen Futter zu ergattern. Die Katze tut ihm Leid. Er tauft sie "Odysseus".

Im Dorf trifft er eine Frau, die einen Kinderwagen schiebt. Die Frau ist wohl eine Einheimische, bestimmt verheiratet. Sein Herz zuckt. Er geht schwimmen, sie schaut ihm nach. Manchmal sitzt sie vor ihrem Haus. Sie ist nicht weg zu kriegen aus seinem Kopf. Und siehe da, Heleni ist gar nicht die Mutter des Kindes, sie ist auch nicht verheiratet.

Feinfühlige Geschichte über Liebe und Tod

Diese Liebesgeschichte - die feinfühlige Beschreibung der Zuneigung zu einer Katze und der Gefühle für eine Frau - ist Schmidlis letzter Roman: Drei Wochen nach dessen Erscheinen ist der vielfach ausgezeichnete Schweizer Schriftsteller 66-jährig gestorben. Der Roman hat starke autobiografische Züge. Schmidli hatte Herzprobleme wie Oswald und er hatte Mühe mit dem Altern wie Oswald. Das zeigen wunderschöne Sätze wie: "Das Meer, gefältelt wie eine rasch gealterte Haut" oder die Beschreibung, wie Oswald auf der Toilette sitzend an seinen Füßen sieht, dass er alt geworden ist.

Beim Lesen der Geschichte wird man den Eindruck nicht los, dass Schmidli seinen nahen Tod geahnt hat. Aber die Geschichte ist heiter, keineswegs belastet mit Todessehnsüchten. Zuweilen lässt sie beim Leser Erinnerungen aufkommen an den zauberhaften Film "Alexis Sorbas" mit der unvergleichlichen Musik von Mikis Theodorakis.

Als Oswald merkt, dass sich seine Katze erholt und dass Heleni seine Gefühle erwidert, zeigt er einen unbändigen Überlebenswillen. Und wie Oswald wollte wohl auch Schmidli noch weiterleben. Er hatte bereits 100 Seiten geschrieben an seinem neuen Krimi. Darin wollte er seinen eigenwilligen Ermittler Gunten vom Murtensee sterben lassen. Schmidlis eigener Tod ist dem Guntens zuvorgekommen. Leider!

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