Soziologin beschäftigt sich in Buch mit dem Herzweh: Warum die Liebe schmerzt

Soziologin beschäftigt sich in Buch mit dem Herzweh: Warum die Liebe schmerzt

Die israelische Soziologin Eva Illouz hat ein hellsichtiges Buch über den Liebeskummer geschrieben. Darin zeigt sie, wie etwa ökonomisches Denken unsere Partnerwahl beeinflusst und unfähig macht für tiefe Gefühle. Wenn Beziehungen in die Brüche gehen, ist nicht nur das Individuum schuld.

Es erwischt die wohl berühmteste Liebesleidende unserer Tage beim Besuch daheim: Verliebt sitzt Bridget Jones mit ihrem neuen Freund auf dem Sofa der Eltern, als die Mutter die tödliche Frage stellt: Wann wollt ihr denn nun heiraten? Freund Mark Darcy stammelt, dass er ans Heiraten noch nicht denke. So hat Bridget den Beweis: Der Mann meint es nicht ernst, sie hat sich getäuscht, kann wieder in Liebeskummer und Singlefrust versinken wie in einem Topf heißer dunkler Schokolade.

Der Mensch leidet an der Liebe, seit er lieben kann. Doch ist dieser Kummer nicht schlicht ein ewig wiederkehrendes Schicksal. Vielmehr wandelt sich die Art der Qualen, hat man in der Klassik, der Romantik anders gelitten als heute. Und so verrät der Liebeskummer vielleicht mehr über unsere Zeit als über uns selbst.

Ein ganzer Markt voller Ratgeber

Modernes Liebesleid ist prosaisch: Menschen nehmen die technisierte Form der Partnersuche im Internet auf sich, bis sie zu erschöpft sind, die Desillusionierungen beim ersten Treffen nochmal zu ertragen. Sie gehen zu Ü-30/-40/-50-Partys, Speed Dates, besuchen Kochkurse, Chöre, Sportvereine, machen Diäten, Schönheits-OPs und sitzen abends doch wieder alleine zu Hause. Und dann gibt es noch die großen Abstürze in den Kummer, wenn Beziehungen zerbrechen, Menschen in Selbstzweifel, Depressionen fallen, das Vertrauen ins Vertrauen verlieren.

Liebe ist für viele Menschen eine quälende Erfahrung. Und doch weigert sich die westliche Kultur, darin ein gesellschaftliches Phänomen zu sehen, schiebt dem Einzelnen die Verantwortung zu, erklärt Liebesleid zum Unvermögen. Darum blüht der Markt mit Ratgebern, die Wartelisten der Therapeuten sind voll. Menschen, die an der Liebe scheitern, forschen in ihrer Kindheit, ihren Lebenswegen, um die Ursachen ihres Versagens zu finden. Der moderne Mensch glaubt ja verstanden zu haben, dass es nach emotionalen Katastrophen an ihm selbst liegt, sich endlich fit zu machen für die Liebe.

Das verstellt den Blick auf ökonomische Verhältnisse und das Machtgefälle zwischen den Geschlechtern — auf gesellschaftliche Bedingungen also, die genauso dazu beitragen, dass aus Liebe Leid werden kann. Das ist die These der israelischen Soziologin Eva Illouz, die sie in ihrem neuen Buch "Warum Liebe weh tut" entfaltet. Was Männer und Frauen von Partnerschaft erwarten, wie sie auf die Suche gehen, wie sie konkurrieren, wählen, was sie verletzlich macht, unterscheidet sich heute von Vorstellungen früher.

Und dieser Wandel zeigt, dass auch die Liebe nur ein Feld ist, auf dem wir die Prozesse der Moderne beobachten können und auf dem wir sehen können, welchen Preis wir für bestimmte Entwicklungen zahlen.

Entscheidung für oder gegen Familie

Da ist zum Beispiel die Ökonomisierung von Gefühlen. Die Partnerwahl ist ein freier Markt geworden, auf dem Einzelkämpfer darum konkurrieren in Kategorien wie Schönheit, Sexyness, sozialem Status zu punkten. Dazu bietet das Internet effiziente Werkzeuge an wie Partner-Suchmaschinen, mit deren Hilfe Menschen per Rasterfahndung versuchen, die Chance auf den Treffer zu erhöhen. Natürlich hat das Folgen für Denken und Empfinden. Wer die marktrationale Art der Partnersuche eine Weile betrieben hat, entwickelt Ironie, Abgeklärtheit, Sarkasmus, um sich vor drohenden Verletzungen zu schützen. Tiefe Empfindungen werden dann natürlich schwierig.

Auch die soziale Mobilität in der modernen Gesellschaft, die Möglichkeit, unabhängig von Ständevorschriften den Partner frei zu wählen und mit ihm aufzusteigen, zwingt den modernen Menschen, Romantik mit Strategie in Einklang zu bringen. Gerade Frauen finden sich in der paradoxen Lage wieder, so frei und souverän über ihr Leben, ihre Karriere, ihren Körper verfügen zu können, wie nie zuvor.

Doch gerade in der Liebe werden sie weiterhin von Männern dominiert. Denn befreit von gesellschaftlichen Konventionen können Männer auf dem Partnermarkt frei wählen. Frauen hingegen sind irgendwann gezwungen, sich für oder gegen eine Familie zu entscheiden, und sobald sie das bürgerliche Modell anstreben, geraten sie in die unterlegene Position. Noch dazu, wenn sie ihr Selbstwertgefühl von Kindern abhängig machen.

Das alte Ungleichgewicht bleibt

Der gesellschaftliche Status von Männern hängt heute stark von ihrem ökonomischen Erfolg ab, nicht mehr davon, ob sie eine Familie gründen. Darum ist Bridget Jones verzweifelt, als ihr Freund cool ausspricht, dass er ans Heiraten nicht denkt. Für sie ist die feste Bindung Statussymbol, für ihn die Lockerheit, sich alle Optionen offen zu halten. Der Eindruck, dass in globalisierten Zeiten auch der Markt für Partnerschaften schier grenzenlos ist, während Ansprüche und Geschmäcker sich immer weiter verfeinern, macht die Sache natürlich nicht leichter.

Trotz Frauenbewegung gibt es verdeckt also immer noch das alte Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern. Und so sehnen sich Frauen mit Kinderwunsch nach Anhänglichkeit, wollen zugleich modern sein und finden sich in der widersprüchlichen Rolle wieder, auf feste Bindungen zu hoffen, das aber nicht zugeben zu dürfen. Auf der Strecke bleiben Leidenschaft und Gefühlsintensität — herbe Verluste nicht nur für den Einzelnen.

Natürlich gibt es viele glückliche Paare, Ehen, die schwere Zeiten durchstehen, Männer und Frauen, die miteinander reifen. Doch Menschen, denen dieses Glück nicht gelingt, dürfen skeptisch sein gegenüber der Flut an psychologischen Selbstgestaltungstipps. Es ist auch unsere gesellschaftliche Wirklichkeit, die tiefe Gefühle, verlässliche Bekenntnisse verhindert. Es sind schwierige Zeiten für die Liebe.

(RP/das)