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Vor zehn Jahren erschien das Buch "Tschick" vom Wolfgang Herrndorf

Roman von Wolfgang Herrndorf : „Tschick“ feiert zehnten Geburtstag

Drei Millionen Mal hat sich der Roman von Wolfgang Herrndorf allein in Deutschland verkauft. In Rekordzeit wurde das Buch zum modernen Klassiker, der inzwischen sogar im Unterricht gelesen wird. Ein Geburtstagsgruß.

Dieses Buch ist die Erlösung für Schüler, die im Deutschunterricht bislang nur Bücher lesen mussten, die nichts mit ihnen zu tun hatten, weil sie von anderen Zeiten erzählten und eine andere Sprache sprachen, obwohl sie auf Deutsch geschrieben waren. Nun dürfen 13-Jährige „Tschick“ lesen, zum Glück. Denn der Roman handelt von ihnen, er beschreibt, wie schön das ist, Freunde zu sein und gemeinsam etwas zum ersten Mal zu machen – zum Beispiel Tatjana, in die man verliebt ist, ein selbstgezeichnetes Bild ihrer Lieblingssängerin Beyoncé zu schenken und dann schnell abzuhauen: „Gib Gas!“, rief ich. – „Mach ich doch.“ – „Gib mehr Gas!“

Vor genau zehn Jahren ist Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ erschienen, seither hat sich die Geschichte allein in Deutschland drei Millionen Mal verkauft. Sie wurde von Fatih Akin verfilmt und fürs Theater adaptiert. Sie wurde Schullektüre und moderner Klassiker. Das Buch erzählt von Maik, der in Berlin-Marzahn einen öden Sommer vor sich hat, der Vater amüsiert sich anderswo, die Mutter ist in der Entzugsklinik. Aber dann rollt Tschick, der neue Mitschüler aus den Weiten Russlands, auf die Einfahrt von Maiks wohlstandsverwahrslostem Zuhause. Er hat einen gestohlenen Lada dabei und sagt: „Steig ein.“

Herrndorf kam die Idee zu „Tschick“, nachdem er die Lieblingsbücher seiner Kindheit wiedergelesen hatte: „Herr der Fliegen“, „Huckleberry Finn“, sowas. Abwesende Erwachsene und eine große Fahrt, diese Motive hielten jene Bücher zusammen, und so ein Buch wollte er auch schreiben. Anfang 2010 bekam er die Diagnose, an einem unheilbaren Hirntumor erkrankt zu sein. Er schrieb nun buchstäblich um sein Leben, tippte im Wartezimmer des Radiologen, korrigierte in der Umkleide vor einer Untersuchung, floh schreibend vor der Todesangst. In Rekordzeit schloss er die Arbeit ab. Er schrieb noch zwei weitere Romane und nahm sich am 26. August 2013 das Leben.

Herrndorf wurde 48 Jahre alt und hinterließ einen der schönsten deutschsprachigen Romane der vergangenen 60 Jahre. In einem Ton, der frei von Ironie ist und heiter und melancholisch zugleich, erzählt er von jener Transitzeit, in der man das Vertrauen in die Erwachsenen verliert, und die kaum jemand kitschfrei beschreiben kann, sobald er selbst erwachsen ist. Herrndorf erzählt vom „besten Sommer von allen“, wie es am Ende des Buches heißt. Im Grunde also von jenem Sommer, nach dem man den Rest des Lebens Heimweih verspürt.

Info Wolfgang Herrndorf, „Tschick“, Sonderausgabe bei Rowohlt, 272 S., 20 Euro