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Von Mann über Kracht bis zu Grass: Die Bibliothek der ungelesenen Bücher

Vergessene Literatur : Die Bibliothek der ungelesenen Bücher

Selbst leidenschaftliche Leser türmen Bücher, die sie nie anrühren. Den "Zauberberg" werden sie in den Ferien wohl wieder nicht schaffen.

Lassen Sie uns mit einfachem Partywissen beginnen, mit Seite eins von "Faserland" und den "Scampis" vom Fischhaus Gosch auf Sylt.

Wer die Lektüre des Duden nicht vorzeitig abgebrochen hat, bemerkt gleich, dass das der falsche Plural ist. Natürlich ist Scampi bereits die Mehrzahl, aber das weiß der Eliteschule-Schnösel und Ich-Erzähler aus Christian Krachts Roman offensichtlich nicht. Der Hellste scheint der Salem-Abgänger also nicht zu sein, weiß der aufmerksame Leser hingegen spätestens jetzt.

Mehr brauchen Sie eigentlich nicht zu wissen, um in einem Plausch über "Faserland", das auch mal Schullektüre war, zu bestehen. Ein bisschen Detailwissen, das zündet wie eine Blendgranate. Gelesen haben müssen Sie das Buch dafür nicht.

Nun wollen wir weder Hochstaplern noch Lesemuffeln das Wort reden, dass Lesen bildet, ist schließlich so sicher wie der Niedergang der Buddenbrooks. Gelesen haben kann man dennoch nicht alles, was man eigentlich wollte und sollte. Denn: Woher die Zeit nehmen? Überm Kracht liegen auf dem Stapel der ungelesenen Bücher schließlich noch Schwergewichte wie Günter Grass' "Blechtrommel" (816 Seiten), Thomas Manns "Zauberberg" (1008 Seiten) und David Foster Wallaces "Unendlicher Spaß" (1552 Seiten). Dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels zufolge kamen im vergangenen Jahr 89.506 neue Titel auf den Markt. An Nachschub mangelt es also auch nicht.

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Den Nachforschungen des Künstlers Julius Deutschbauer zufolge ist das ungelesenste aller Bücher Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften". Deutschbauer befragt seit den 90ern Menschen nach Büchern, die sie nie gelesen haben. Die Werke schafft er an - auch mehrmals - für seine "Bibliothek ungelesenen Bücher" in Wien. Rund 700 Interviews hat er bislang geführt und eine Hitliste erstellt. Auf Musil folgen bei ihm "Ulysses" von James Joyce, die Bibel und Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Seine Interviews seien für die Befragten "fast wie ein Ablasshandel", sagt Deutschbauer, "dabei befrage ich gar nicht das schlechte Gewissen."

Den Künstler interessieren vielmehr die Mutmaßungen über das Ungelesene. Christoph Schlingensief etwa beschrieb ihm die Bibel mal als Abenteuerbuch. Diese Nicht-Leseerfahrungen seien "oft spannender als das Buch selbst", sagt Deutschbauer und zitiert gleich mal Robert Musil an: "Neben dem Wirklichkeitssinn gibt es auch einen Möglichkeitssinn."

Jeder kennt das. Selbst der leidenschaftlichste Leser - oder gerade der - wird irgendwo Ungelesenes stehen haben. Gründe dafür, Bücher zwar zu besitzen, aber nie gelesen zu haben, gibt es viele. Impulskäufe, Bibliophilie und falscher Ehrgeiz mögen eine Rolle spielen, auch der aufrechte Wunsch, "den Zauberberg" endlich einmal in den großen Ferien durchzulesen, um dann doch beim packenden Schweden-Krimi hängenzubleiben. Einer Umfrage des britischen "Guardian" zufolge stellt sich jeder Zweite unter den Befragten Ungelesenes ins Regal, mehr als die Hälfte sagte demnach zudem aus, dadurch intelligenter wirken zu wollen. Ein Bücherregal bis unter die Decke erfüllt nicht zuletzt dekorative Zwecke.

Dort finden sich auch unerwünschte Bücher, Geschenke, - "immer heikel", sagt Julius Deutschbauer. Im Weihnachtsgeschäft erwirtschaftet die Buchbranche Schätzungen zufolge ein Viertel ihres Jahresumsatzes. Der lag laut Börsenverein im vergangenen Jahr bei 9,19 Milliarden Euro. Beliebt sind in diesem Jahr zum Beispiel der neue "Harry Potter" und der Bildband "Sehnsucht Wald".

Grämen sollte man sich nicht, wenn der Bücherstapel an Heiligabend wieder wächst. Eine gut gefüllte Bibliothek der ungelesenen Bücher ist keine Schande, sondern Rückhalt, Wissensspeicher und Recherchematerial. Am Ungelesenen entzündet sich die Fantasie, wusste schon Umberto Eco. 50.000 Bücher soll der Schriftsteller in seinen Regalen versammelt haben. Und wenn er Besucher in seine Bibliothek führte und die fragten, ob er jedes Buch gelesen habe, antwortete er: Nein, das seien jene, die er sich bis zum Ende des Monats vorgenommen habe. Die anderen habe er im Büro. Natürlich hatte Eco nicht alle gelesen.

Es heißt, dass ein Buch auf seinen Leser wartet, irgendwann kommt der Tag, an dem man es doch zur Hand nimmt, und es einem etwas sagt. Als Künstler Deutschbauer einmal ein neues Stück von Theatermann Schlingensief sah, erkannte er darin plötzlich das ein oder andere Bibel-Zitat wieder. Schlingensief hatte das Buch mittlerweile gelesen, denkbar traurig war jedoch der Anlass. Er hatte Krebs. 2010 starb er. Womöglich hätte er die Bibel nicht zur Hand genommen, "wenn er sich nicht so nah am Tod gefühlt hätte", meint Deutschbauer.

Wer ein Buch bislang nicht gelesen hat, aber mitreden möchte, dem bieten sich einige unschlagbare Strategien: zentrale Stellen lesen oder zumindest kennen, etwa die "Madeleine"-Passage im Proust - in der Suhrkamp-Ausgabe ab Seite 67 fortfolgend; andere Nicht-Leser in der Gesprächsrunde ausmachen und sich einen eigenen Reim auf Herta Müllers Collagen-Gedichte machen. Oder: Das richtige Ambiente schaffen, rät Julius Deutschbauer. Im "Ulysses" etwa werde ja viel getrunken. Darum empfehle es sich, Gleiches zu tun für ein anregendes Gespräch über James Joyce.

(kl)