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RP-Serie "Das Jugendbuch": Valérie Zenatti: Leihst du mir deinen Blick?

RP-Serie "Das Jugendbuch" : Valérie Zenatti: Leihst du mir deinen Blick?

Wer in Israel aufwächst, wächst mit Hass, Gewalt und Vorurteilen auf. Kaum ein israelischer Jugendlicher hat eine realistische Vorstellung vom Leben derjenigen, die so nah, aber doch so weit weg sind. "Die Palästinenser" sind ein Synonym für Schuld. Aber wie leben die Menschen im Gaza-Streifen wirklich? Was denken sie? Wie ist ihr Blick auf die unüberwindbar scheinende Feindschaft zu den Juden?

Diesen Blick würde sich Tal gern einmal leihen, um ein bisschen mehr zu verstehen. Sie möchte Selbstmord-Attentate und scheiternde Friedensgespräche nicht mehr als Teil ihres Alltags akzeptieren. Mit Hilfe einer Flaschenpost gelingt es ihr tatsächlich, Kontakt zu einem palästinensischen Jugendlichen aufzunehmen. Doch sich wirklich kennen zu lernen ist viel schwieriger, als sie sich das vorgestellt hat.

Nur ganz langsam kommen Tal und Naïm sich näher und bieten einander einen Ausschnitt aus dem anderen Leben, Denken und Fühlen. Ihre Briefe zeigen, wie wenig sie voneinander wissen und wie ähnlich ihre Situationen in Wirklichkeit doch sind.

"Leihst du mir deinen Blick?" ist die Geschichte einer Annäherung im Kleinen. Die Form des Briefromans lässt gut mitfühlen, wie groß die gesellschaftlich anerzogene Kluft zwischen beiden Völkern ist und wie langsam auf diesem Boden Nähe entstehen kann. Es ist ein Plädoyer dafür, jenseits aller Vorurteile oder politischer Grenzen die Menschen mit ihren Gefühlen und Wahrnehmungen zu sehen. Denn darin sind sich auch die beiden Hauptfiguren Tal und Naïm ganz ähnlich: Beide wünschen sich nichts sehnlicher als ein normales Leben.

(Rheinische Post)