Thomas Gsella "Personenkontrolle": Kritik an Angela Merkel, Lob für Gregor Gysi

Buch „Personenkontrolle“ : Lob und Tadel für die Welt

Der Essener Satiriker und Ex-Titanic-Chefredakteur Thomas Gsella verneigt in seinem neuen Gedichte-Band: vor Sportlern, Tieren und Gregor Gysi. Vor allem aber rechnet er ab: mit Politikern und Wirtschaftsbossen, mit Hardcore-Kapitalisten und Autobahn-Rasern.

„Typisch Deutsch“ sind die berühmten Dichter und Denker, auch wenn das Schaffen von Schiller, Goethe und Co. nun auch schon wieder einige Jahre her ist. Weniger „typisch Deutsch“ ist pointierter Humor - Auftritte vor 80.000 Menschen im Berliner Olympiastadion von Deutschlands „Spitzen-Comedian“ Mario Barth reichen als Beleg.

Doch Thomas Gsella, ehemaliger Chefredakteur des Satiremagazins Titanic und ohnehin nicht im Verdacht als klassisches Beispiel für „den Deutschen“ zu stehen, beweist in seinem neuen Buch, dass sowohl als auch zusammengehören kann: humorvolle Lyrik in deutscher Sprache.

In einer Zeitreise durch die vergangenen Jahre, von 2013 bis 2019, vergleicht Gsella „Äußerungen und Taten großer Leute“ mit „den Werten des humanistischen Abendlandes“. Die Auswahl der „großen Leute“ reicht dabei von A wie AfD-Politikern bis Z wie Zuckerberg (Facebook).

„Personenkontrolle“ nennt Gsella sein Werk, in dem vor allem Texte aus seiner wöchentlichen „Stern“- Gedichtkolumne zusammengetragen sind.

Allzu gut kommen die Kontrollierten in diesen gereimten Vergleichen selten weg – vor allem nicht, wenn Politiker oder Wirtschaftsbosse beurteilt werden. So reimt Gsella beispielweise über Gesundheitsminister Jens Spahn:

„Jens hat nix Richtiges gelernt.
Und blieb, um’s klar zu sagen,
Auch aller Wissenschaft entfernt:
An der Fern-Uni Hagen.
So ist’s ein Zeitdruck, der pressiert:
Der Mann will bald Regent sein!
Und wenn ein Spahn zum Merkel wird, dann sollten wir dement sein.“

Noch mehr bissige Worte gibt es für den ehemaligen Staatsminister Eckart von Klaeden und den ebenfalls ehemaligen Kanzleramtschef Ronald Pofalla, die nach ihren ehemaligen Karrieren als Politiker ohne allzu viel Übergang in die lukrative Wirtschaft wechselten.

„Sie krochen durch die Politik,
Um oben aufzutauchen
Und sind, zu unser aller Glück,
Zu gar nichts zu gebrauchen.“

Die harmloseren Stücke beschäftigen sich mit Fußballern, Künstlern Schauspielerin oder Musikern. Gsella gratuliert Mr. Bean zum 60. Geburtstag und Philipp Lahm zum Rücktritt. Er bietet Edward Snowden Asyl bei sich an und er verfasst einen lyrischen Nachruf auf Loriot.

Doch immer wenn der Leser gerade glaubt, der gebürtige Essener werde milde, empathisch, gar rührselig, da schimpft er schon bald wieder über zu schnelle Autos, Angela Merkel oder Waffenhersteller Rheinmetall:

„Deutsche Panzer töten Kurden.
Deutschland ist ein Schweinestall.
Die da hingemetzelt wurden,
Danken deutschem Rheinmetall.“

So wechselt sich die Reise durch die großen Unterhaltungsmomente der vergangenen Jahre ab mit meist bissiger Kritik am Gesamtzustand der globalen Gesellschaft und all ihrer prägenden Figuren. Gsella feiert die Fußball-Weltmeister von 2014 und kritisiert den Nationalismus der AfD, er honoriert die Arbeitswut von Schlagersängerin Helene Fischer und wundert sich über das Karrieredenken der Jugend, er lobhudelt Gregor Gysi und schimpft auf die sozialen Netzwerke.

All das lässt sich auf 187 Seiten genussvoll und mit einem Grinsen im Gesicht lesen – vorausgesetzt, man kann der politischen Einstellung des Autors folgen. Liberal-Konservative oder Konservativ-Liberale dürften hingegen immer wieder durch heftiges Kopfschütteln vom Weiterlesen abgehalten werden.

Gsellas lyrische Werke sind zumeist knallharte Meinungsstücke, verpackt in schöne Worte und in gelungenen Kreuzreimen, die nicht zur Debatte, sondern nur zu Zustimmung oder Ablehnung einladen. Interpretationen der Worte sind unnötig, denn die Sprache ist klar und unverrätselt – ohne jedoch auf Intelligenz und Wortwitz zu verzichten. Diese Kombination ist künstlerisch wertvoll und zeichnet „Personenkontrolle“ aus – auch wenn manche Schimpftirade an den „typisch deutschen“ Stammtisch erinnert.

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