Porträt Kurt Tucholsky: "Theobald Tiger" starb vor 70 Jahren

Porträt Kurt Tucholsky : "Theobald Tiger" starb vor 70 Jahren

Berlin (rpo). Für kreative Ideen war er stets bekannt: Um seinen Buchverkauf anzukurbeln und den frierenden Lesern kräftig einzuheizen, servierte Kurt Tucholsky um die Weihnachtstzeit 1912 jedem Käufer seines ersten Werkes "Rheinsberg" an der selbst erbauten "Bücherbar" einen Schnaps. In seinem Leben kamen erst Engagement und Erfolg, später Exil und Depressionen. Vor 70 Jahren starb der Autor und Publizist im schwedischen Hindas.

"Wir tranken selbst und verkauften schrecklich viele Rheinsbergs", schrieb er über die Schnaps-Spaßaktion. Überhaupt fehlte es dem am 9. Januar 1890 in Berlin geborenen Journalisten nicht an Einfällen. Im Wochenblatt "Weltbühne" veröffentlichte er so viele Beiträge - von Gedichten, Leitartikeln, Satiren zu Buchbesprechungen, dass er neben seinem Namen unter nicht weniger als vier Pseudonymen schrieb: Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel und Kaspar Hauser.

Dabei hatte Tucholsky, der in Berlin das Französische Gymnasium besuchte und 1909 ein Jura-Studium begann, eigentlich Verteidiger werden wollen. Doch schon zum Ende seines Studiums war er so stark journalistisch engagiert, dass er auf eine juristische Staatsprüfung und damit auf eine Anwaltszulassung verzichtete. Stattdessen schrieb er eine juristische Doktorarbeit und wurde Anfang 1915 promoviert.

Kampf mit der Schreibmaschine

Sein erstes Buch, "Rheinsberg - ein Bilderbuch für Verliebte", erschien 1912 und machte Tucholsky rasch bekannt. Nach der kleinen Geschichte über die amourösen Abenteuer zweier Großstädter sei "generationenweise vom Blatt geliebt worden", schrieb der Schriftsteller später. 1913 begann Tucholskys Arbeit für die "Weltbühne". Er setzte sich in unzähligen Beiträgen für die Weimarer Republik ein und bekämpfte die Feinde der ersten deutschen Demokratie. Er habe "mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten" wollen, urteilte Erich Kästner 1946.

Zu Beginn der 1930er Jahre sah Tucholsky immer deutlicher die heranziehende Gefahr durch den Nationalsozialismus. Schon 1930 verlegte er einen Wohnsatz ins schwedische Hindas bei Göteborg. Gegen den Herausgeber der "Weltbühne", Carl von Ossietzky, wurde seit 1929 wegen Landesverrats ermittelt. Ende 1931 wurde er verurteilt. Anlass war ein Artikel über die Aufrüstung der Reichswehr. Tucholsky entging als Mitherausgeber der Zeitung einer Anklage, weil er bereits im Ausland lebte.

Seit 1931 schrieb Tucholsky immer weniger. Sein letzter größerer Beitrag für die "Weltbühne" erschien im November 1932. 1933 verboten die Nazis die Zeitschrift. Tucholsky wurde ausgebürgert, seine Bücher verbrannt. Resigniert wandte er sich von Deutschland und der Schriftstellerei ab. Am 20. Dezember 1935 nahm er eine Überdosis Schlaftabletten und starb tags darauf. Für sein Pseudonym Ignaz Wrobel hatte er sich 1923 folgenden Grabspruch ausgedacht: "Hier ruht ein goldenes Herz und eine eiserne Schnauze. Gute Nacht!"

(ap)
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