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Surfer-Buch von William Finnegan

Memoiren eines Surfers : Die perfekte Welle

William Finnegan hat eines der besten Bücher über das Surfen geschrieben. „Barbarentage“ wurde mit dem Pulitzer-Preis geehrt.

Irgendwann hört man auf zu lesen und beginnt zu surfen. Man taucht buchstäblich ein in den Strom der Worte, man lässt sich in diese Sprache fallen wie sich der Surfer vom Brett ins Wasser fallen lässt: Wipeout. Und da merkt man dann auch, dass dieses Buch einen Sound hat; es macht Geräusche: Fffffffff und Zszszszszsz und Schschsch.

Der Schriftsteller William Finnegan hat ein Buch über sein Leben geschrieben, und weil nach seinem Selbstverständnis das Surfen sein Leben ist, handelt „Barbarentage“ auf mehr als 500 Seiten fast ausschließlich davon, wie und wo man die perfekte Welle findet, wie man sie reitet und wo man den Ritt danach am besten feiert. Finnegan ist 66 Jahre alt, Amerikaner kennen ihn als Reporter von den Krisenherden der Welt. Für das Magazin „New Yorker“ berichtete er aus El Salvador und dem Sudan, aber dieser Teil seiner Biografie kommt im Buch nur am Rande vor.

Finnegan wuchs in Kalifornien auf. Sein Vater arbeitete als TV-Produzent, und als er das Angebot bekam, an der Krimiserie „Hawaii Five-O“ mitzuwirken, zog die Familie nach Hawaii. Der Sohn wurde in der Schule gehänselt, er war der „Haole“, wie Einheimische Fremde nannten, er musste Schläge einstecken. In dieser Zeit entdeckte er das Surfen. Zu den schönsten Passagen des mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Buches gehören jene, in denen Finnegan vor der Schule aus dem Haus tritt, mit dem Brett unter dem Arm über die kalten Steinplatten unter den Palmen geht, auf den warmen Strand tritt, das Brett aufs Wasser legt, hinaus paddelt und auf die Welle wartet.

Das Buch, das als Autobiografie beginnt, wird allmählich zu einem Reisebericht, der nach Salzwasser schmeckt. Finnegan reist der Sonne hinterher, die Jahre der Adoleszenz verbringt er in Südafrika, Madeira, Australien und auf Fidschi. Er dehnt den Sommer ins scheinbar Endlose. Er sucht stets den Moment, in dem sich die Welle so hoch über ihm türmt, dass ihre Lippe bricht, sie sich aber weiter Wasser vom Riff saugt und schließlich so rasend schnell läuft, dass Finnegan nur noch weiterfliegen kann, das Gaspedal durchdrücken und in den Strömungskanal zischen. Das ist das Maximum: der Blick in den Wellentunnel sei wie der Blick in die Iris einer Kamera. Sekundenbruchteile eines heiligen Stillstands.

„Barbarentage“ lässt den Leser ein in eine fremde Welt, es lässt ihn nah heran an eine fremde Person, und es bricht mit einem Klischee. Die Kulturgeschichte erzählt vom Surfen meist im Sinne der Beach Boys, mit „Good Vibrations“ nämlich. Das Surfen ist Mitte der 1950er Jahre zum Massensport geworden, 1964 traten erstmals Surfer bei einer Weltmeisterschaft gegeneinander an. Der „königliche Sport“, als den Jack London das Surfen bereits 1904 bezeichnete, wurde mit einer Mischung aus Heiterkeit und Urlaubsromantik beschrieben. Der Dokumentarfilm „Endless Summer“ von Bruce Brown aus dem Jahr 1966 ist ein Beispiel dafür. Brown und seine Kumpels wollten ein Ticket von Los Angeles nach Kapstadt kaufen, um dort zu surfen. Im Reisebüro sagte man ihnen, dass sie für 50 Dollar mehr um die ganze Welt fliegen könnten, und das taten sie dann auch. Von Welle zu Welle, einmal um den Globus.

Erst der jüngst gestorbene Tom Wolfe hörte die dunklen Untertöne. Er veröffentlichte 1968 unter dem Titel „The Pump House Gang“ eine Reportage über kalifornische Surfer aus der Mittel- und Oberschicht, die den Sinn des Lebens zu suchen schienen. Auf dem Ozean waren der Vietnamkrieg und die Ermordung Kennedys weit weg. Aber wenn sie aus dem Wasser kamen, waren sie in sich gekehrt, jeder ganz in seine Gedankenwelt versunken. „Sehr mysterioso“, schrieb der damals schon sehr zynische Wolfe.

Auch Finnegan ist ein Sinnsucher. Als desorientierter Teeanger will er den seelischen Hohlraum mit Surfen füllen. Als junger Erwachsener versucht er, auf dem Wasser einen Platz in der Welt zu finden, wie er sagt. Das Surfen wird zu seiner Religion, die Suche nach immer besseren Plätzen zur Pilgerreise. Er kehrt jahrelang nicht heim in die USA. Und er liebt die Gefahr der Welle, „ihren gewalttätigen Reiz, den stählernen Strang“. Die Welle wird zum geliebten Feind, der Text zum Kriegsbericht von der Waterfront.

Finnegan ist mit Freunden unterwegs. Manche ertrinken, manche verlieren sich an die Drogen. Sie leiden an Bindehautwucherung wegen der Sonne, haben Melanome an den Armen, Schorf an den Ohren, das kalte Wasser verknöchert die Gehörgänge. Erst als sein bester Freund sagt, dass nun Schluss sei mit diesem ruhelosen Leben jenseits der Zeit und der Landkarten, kommt Finnegan zu Bewusstsein.

Das Buch ist inzwischen ein Bildungsroman. Finnegan beginnt, an einer Schule für schwarze Kinder in Südafrika zu arbeiten. Und er schreibt auf, was er erlebt hat. Apartheid, Kämpfe in Osttimor, die gesellschaftlichen Entwicklungen der 60er und 70er Jahre. Schließlich fängt er als politischer Berichterstatter in New York an. Er heiratet und bekommt mit seiner Frau, einer Staatsanwältin, eine Tochter.

Auch auf den letzten Seiten hat man indes nie das Gefühl, da habe jemand seinen Frieden gemacht oder sei angekommen. Finnegan verlässt Familie und Schreibtisch immer wieder für lange Ausflüge. Und er hat den Winter als ideale Jahreszeit entdeckt. Er schwärmt von den Winterbreaks vor Manhattan, denen sich nur Hartgesottene in Spezialanzügen stellen. Dazu passt, dass Finnegan nicht wie Proust über das Surfen schreibt, sondern wie Hemingway. Klar, hart und direkt. Der Bericht eines Süchtigen erlaubt keine Poesie, das ist Junkie-Prosa.

Dieses großartige und wahrhaftige Buch klingt am Ende ziemlich melancholisch. Hier zieht jemand Bilanz. Es gehe nicht mehr um Urlaub, schreibt Finnegan. „Ich will einfach nur nicht, dass es jemals endet.“