Schriftsteller Edgar Hilsenrath 92-jährig gestorben

„Der Nazi & der Friseur“: Schriftsteller Edgar Hilsenrath im Alter von 92 Jahren gestorben

Das Lachen, das einem im Halse stecken bleibt: Edgar Hilsenrath gehörte zu den letzten Zeitzeugen, die schreibend von den Verbrechen der NS-Zeit erzählten. Jetzt ist er im Alter von 92 Jahren gestorben.

„Wir bedauern, mitteilen zu müssen, dass Edgar Hilsenrath verstorben ist.“ Diese Notiz auf der Internetseite des Autors ist so lakonisch, dass man glauben könnte, der große, 1926 in Leipzig geborene Schriftsteller, habe diesen kargen Satz selbst verfasst. Vielleicht hat es dem großen Erzähler sogar Freude gemacht, der durchs ungeheuerliche Elend des 20. Jahrhunderts gehen musste, um es dann zur Literatur werden zu lassen. Er hat das Grauen auf diese Weise einzigartig überliefert; und das bereits mit seinem Debütroman „Nacht“ von 1964. In dem unerbittlichen Buch hat er in einer unerbittlichen Sprache vom Überlebenskampf der Juden im Ghetto Proknow in der heutigen Ukraine erzählt.

Hilsenrath hat das selbst erlebt, mit eigenen Augen gesehen und mit Leib und Seele erlitten. Über diese Zeit lässt sich auch anders erzählen, ganz anders, und dennoch wirkungsvoll. In seinem berühmtesten Buch „Der Nazi & der Friseur“ (1977) erzählt er das Überleben eines SS-Massenmörders als Groteske: Wie der Scherge sich eine jüdische Identität zulegt, sich beschneiden und eine KZ-Nummer auf dem Oberarm tätowieren lässt, wie dieser nach Israel auswandert und dort zum militanten Zionisten wird – das ist alles so furchterregend unterhaltsam, dass man es – einmal gelesen – nie mehr vergisst. In Deutschland wollte man diesem mutigen, beherzten und schelmischen Zugriff auf die Shoa nicht so trauen. 60 Verlage sollen hierzulande das Manuskript abgelehnt haben; bis ein kleiner Kölner Verlag es wagte.

Für den in 18 Sprachen übersetzte und in Millionenauflage erschienen Roman war dies ein erster Schritt. Deutschland lernte, und Edgar Hilsenrath war der Dozent. Allein der Sprache wegen kehrte Hilsenrath, Atheist mit jüdischen Wurzeln, 1975 nach Deutschland zurück – ins Land seines Leidens, seines Schreibens.

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