Gabriel Garcia Marquez wird 85: Schreiben auf Leben und Tod

Gabriel Garcia Marquez wird 85 : Schreiben auf Leben und Tod

"Viele Jahre später sollte der Oberst Aureliano Buendia sich vor dem Erschießungskommando an jenen fernen Nachmittag erinnern, an dem sein Vater ihn mitnahm, das Eis kennenzulernen." Was für ein Einstieg! Mit diesem Satz beginnt Gabriel Garcia Marquez seinen Roman "Hundert Jahre Einsamkeit". Die 1967 erschienene Familiensaga begründet den Weltruhm des kolumbianischen Autors. Am 6. März wird der wortgewaltige Schriftsteller mit dem ergrauten Schnauzbart 85 Jahre alt.

Bis zum Erscheinen seines bis heute bekanntesten Romans hatte sich Garcia Marquez mehr schlecht als recht durchgeschlagen. Aufgewachsen in der kleinen Ortschaft Aracataca an der kolumbianischen Karibikküste, folgen nach Schule und Studium - unter anderem am Jesuitenkolleg San Jose im gut 100 Kilometer westlich gelegenen Barranquilla - Lehr- und Wanderjahre zwischen Europa und Amerika. Bogota, Havanna, Mexiko-Stadt und New York, London, Genf und Rom heißen die wichtigsten Stationen - und Paris.

Eindrücke in Paris

Die französische Hauptstadt mutiert in den 50er und 60er Jahren zu einer Drehscheibe für eine ganze Generation junger Schriftsteller aus Lateinamerika. Hier trifft Marquez auch seinen Landsmann und Kollegen Plinio Apuleyo Mendoza. Dieser wird sich später in warmen Worten an die erste Begegnung des damals 28-Jährigen mit dem europäischen Winter erinnern. "Er rannte und hüpfte, hüpfte und rannte und schrie dabei wie in jubelndem Delirium: Schnee! Erleichtert dachte ich: Das ist ein Verrückter. Seitdem sind Garcia Marquez und ich Freunde."

Im Pariser Hotel de Flandre arbeitet der häufig klamme Autor verbissen an seinem Roman "Der Oberst hat niemanden, der ihm schreibt". Die Erfahrung mit dem kolumbianischen Gast scheint die Hotelbetreiber nicht abgeschreckt zu haben: Wenige Jahre später findet dort Garcia Marquez peruanischer Kollege Mario Vargas Llosa Unterschlupf, um seinen Erstling "Die Stadt und die Hunde" zu vollenden. Kennen- und schätzenlernen werden sich die beiden späteren Nobelpreisträger erst einige Zeit danach - bevor es schon bald zum Zerwürfnis kommt.

Kontakte nach Kuba

Grund sind Garcia Marquez' Verbindungen ins kommunistische Kuba. Die Kontakte zum "Maximo Lider" Fidel Castro lässt der Autor trotz aller Kritik nie abreißen. Stattdessen verwirklicht der Kinoliebhaber auf der Karibikinsel sogar einen Lebenstraum. 1986 öffnet in der Hauptstadt Havanna die Internationale Schule für Film und Fernsehen. Als Präsident der "Fundacion del Nuevo Cine Latinoamericano" (Stiftung des neuen lateinamerikanischen Films) ist Garcia Marquez maßgeblich an dem auch international renommierten Projekt beteiligt.

Ist er deswegen ein "Höfling Castros", wie Vargas Llosa ihm einst vorwarf? Eher nicht, wie ein Blick auf die Vielzahl seiner politischen Gesprächspartner zeigt. Bei Castro selbst setzte sich Garcia Marquez für die Freilassung politischer Gefangener ein; in seiner Heimat vermittelte er im Dauerkonflikt mit den ursprünglich kommunistischen FARC-Rebellen. Und zu seinen Gesprächspartnern in Europa zählten unter anderen Frankreichs Präsident Francois Mitterand und Papst Johannes Paul II.

Vielschichtig ist auch das Werk von Garcia Marquez, das außer Romanen auch Kurzgeschichten, Reportagen und Drehbücher umfasst. Kunstvoll vermischt er immer wieder Realität mit Fantasie. Die Zuordnung zum magischen Realismus trifft es trotzdem nicht ganz, findet seine deutsche Übersetzerin Dagmar Ploetz. Mit seinem literarischen Schaffen berühre er vielmehr Grundfragen der menschlichen Existenz. "Tatsächlich geht es immer um das Leben; das aber begreift der Autor vom Tode her." In seiner "Chronik eines angekündigten Todes" über einen sogenannten Ehrenmord in der kolumbianischen Provinz liest sich das so: "An dem Tag, an dem sie ihn töten sollten, stand Santiago Nasar um fünf Uhr dreißig morgens auf, um das Schiff zu erwarten, mit dem der Bischof kam."

(KNA)