Sarah Kuttner: Darum geht es in ihrem neuen Buch "Kurt"

Interview mit Sarah Kuttner : „Das Leben besteht nicht nur aus Explosionen“

Eine Patchwork-Familie wächst gerade zusammen, da trifft sie ein Unglück. Darüber schreibt Sarah Kuttner in ihrem neuen Roman. Wir haben mit der Autorin gesprochen.

Die Moderatorin und Kolumnistin Sarah Kuttner (40) ist auch als Schriftstellerin erfolgreich. Gerade hat sie ihren vierten Roman veröffentlicht: „Kurt“ erzählt von einer jungen Frau, die mit ihrem Freund und dessen kleinem Sohn am Rande Berlins wohnt. Die Patchwork-Familie ist gerade dabei, in einen Alltag zu finden, als das Kind stirbt. Ein Gespräch über fiktive Grausamkeiten und den Umgang mit Trauer.

Zu Beginn Ihres Romans erlebt man, wie ein Paar ein altes Haus renoviert, im Garten arbeitet, in seinem Alltag zufrieden ist. Ist das die Rehabilitierung des kleinen Glücks?

Kuttner Nein, an „kleines Glück“ habe ich überhaupt nicht gedacht. Ich verfolge beim Schreiben ohnehin keine geheimen Überthemen. Ich wollte einfach die Geschichte einer Beziehung erzählen und wie diese Beziehung durch das Thema Tod unter Druck gerät. Der Garten steht nicht für das kleine Glück, er steht für gar nichts. Ich habe selbst einen Garten und arbeite gern darin. Mehr ist es nicht.

Aber eine Patchwork-Familie sollte es schon bewusst sein?

Kuttner Ja, weil ich das interessanter fand für den Konflikt, der durch den Tod des kleinen Sohns entsteht. Es wäre ja naheliegender gewesen, zwei Eltern trauern zu lassen. Aber mich hat interessiert, was ist, wenn ein Elternteil vermeintlich weniger Recht auf Trauer hat. Was passiert dann?

Ihre Hauptfigur gesteht sich ihre Trauer nicht richtig zu, weil sie „nur“ die Stiefmutter ist.

Kuttner Ich finde schon, dass sie sich ihre Trauer zugesteht. Sie denkt nur, dass sie weniger Recht darauf hat als der Vater.

Mit dem Tod haben sich schon viele Autoren befasst. Was wollten Sie dem Thema Neues hinzufügen?

Kuttner In meinem Umfeld sind in den vergangenen Jahren ein paar Menschen gestorben. Dadurch hatte ich mit dem Tod zu tun. Und ich mag es grundsätzlich, wenn ich ein wenig Ahnung davon habe, worüber ich schreibe – psychologisch wie emotional. Auch da ging es also nicht um eine Entzauberung oder einen anderen Ansatz oder den Tod als literarisches Motiv. Ich dachte einfach: Das ist ein Thema, bei dem ich mich auskenne und das nah am Alltag ist. Ich wollte darüber schreiben, was der Tod mit einer Familie macht, die sich als solche noch gar nicht richtig gefunden hat.

Sie schreiben sehr echt über den Alltag mit Kind. Doch recht bald muss der kleine Kurt sterben. Ist ihnen diese Szene schwer gefallen?

Kuttner Ich kann schon zwischen Figur und Wirklichkeit unterscheiden. Aber natürlich wächst einem als Autor auch eine fiktive Figur ans Herz, und es war schon ein wenig traurig, als es so weit war. Aber ich hab ja kein echtes Kind sterben lassen, sondern nur einen Charakter. Da musste ich jetzt nicht wahnsinnig lange mit mir ringen.

Es ist ja nicht so einfach, so über Kinder zu schreiben, dass das echt wirkt. Wie haben Sie den Ton gefunden?

Kuttner Das fiel mir nicht schwer. Ich kenne ja Kinder. Ich habe einfach angefangen zu schreiben, das funktionierte ganz gut, also habe ich das beibehalten. Man kann wahrscheinlich wahnsinnig viel falsch machen, aber wenn man es schlicht und natürlich hält, gleichzeitig nicht dumm, ist es kein Mysterium, über Kinder zu schreiben.

Das klingt alles so, als müssten Sie sich für Ihre Romane einfach nur an den Computer setzen und loslegen. Ist das bei Ihnen so?

Kuttner Das ist so. Ich denke mir einfach: Hier ist eine Geschichte, die will ich erzählen. Ich mache mir nicht wahnsinnig viele Notizen, ich habe ein sehr, sehr grobes Gerüst. Fast alles passiert im Schreiben. Ich setz mich hin und lass es erst mal laufen. Mir ist das wichtig, dass so ein Buch nicht irre strukturiert ist, sondern dass der Leser eher wie bei einer Dokumentation das Gefühl hat, zwei Menschen aus dem normalen Leben bei ihrem normalen Alltag zu begleiten.

Kann man auch langweilig finden.

Kuttner Ja, andere können das langweilig finden. Man kann auch infrage stellen, ob man einer Figur tatsächlich zwei Seiten lang beim Kuchenbacken zusehen muss. Ich denke aber, dass solche Dinge dazugehören. Das Leben besteht ja nicht nur aus Explosionen und Drama, sondern auch aus Sex und Kochen, Backen, Boot fahren. Das beschreibt zwei Personen für mich viel schöner, als ihre Beziehung mit Worten zu beschreiben. Ich halte überhaupt nicht viel von Beschreibungen. Ich lasse die Dinge lieber geschehen.

Das heißt, Sie lernen ihre Figuren selbst beim Schreiben erst kennen?

Kuttner Ja. Ich habe keine Modelmappen, in denen Maße, Haarfarbe, Charaktereigenschaften meiner Figuren verzeichnet wären. Die entwickeln ihre Charaktere in der Geschichte. Ich gebe überhaupt kaum äußere Beschreibungen, weil der Leser ja eh sein Kopfkino hat. Ich mag das selbst als Leserin nicht, wenn mir ein Autor erzählt, wie eine Figur aussieht. Ich denk dann immer: Ja, ja, kann ja sein, aber in meinem Kopf hat sie blonde Haare.

Sind Sie eine disziplinierte Acht-Stunden-am-Tag-Schreiberin?

Kuttner Sehr unterschiedlich. Ich schreibe meistens zu Hause, manchmal auch in befreundeten Büros oder in meiner Agentur. Ich habe Zeit, ich habe eine Geschichte im Kopf, wenn ich Lust habe, schreib ich daran weiter und wenn nicht, mache ich etwas anderes. Auch das läuft bei mir nicht nach festem Muster.

Haben Sie durch das Schreiben über Trauer selbst etwas über das Trauern gelernt?

Kuttner Nein, ich beschäftige mich mit mir schon ausreichend in meinem Privatleben. Ich brauche so ein Buch nicht, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Ich muss schon fertig sein mit dem, was bei mir privat ist, um ein Buch entspannt schreiben zu können.

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