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Interview: Péter Esterházy: Fußball ist die Weltsprache

Interview : Péter Esterházy: Fußball ist die Weltsprache

Düsseldorf (RP). Auch der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy bereitet sich auf die Fußball-WM vor: mit einem neuen Buch und allerlei Gedanken über dieses komplexe, staunenswerte Spiel. Im Interview spricht er über das Wir-Gefühl und seinen Bruder Márton, der Fußball-Profi wurde.

In Ihrem neuen Buch "Deutschlandreise im Strafraum" bezeichnen Sie sich als Fußballer "vierter Klasse"? Was fehlte Ihnen denn zum Fußballer "erster Klasse"?
Ganz einfach: Talent. Man kann sich selbst täuschen und sagen, es wäre alles da, nur das Physische nicht. Aber das Physische gehört zum Talent. Das ist so, als würde ein Schriftsteller sagen: Ich wäre ein ganz Großer geworden, wenn ich fleißiger gewesen wäre. Fleiß und das Physische gehören zum Talent.

Wären Sie denn gern, wie Ihr Bruder Márton, Fußball-Profi geworden?
Ja, das wäre schön gewesen.

Leiden Sie darunter, dass Ihr Bruder es geschafft hat - und Sie nur ein Freizeit-Kicker geworden sind?
Freizeit-Kicker? Da bin ich schon etwas weiter gekommen! Aber es war wie ein Märchen, was mit meinem Bruder geschehen ist. Für jemanden, der in der Bezirksliga spielt, ist jemand, der in der ersten Liga spielt, ein Fürst oder ein Halbkönig. Dass mein Bruder es schaffte, gegen Real Madrid zu spielen, das war wirklich wie ein Wunder.

Woran liegt es, dass so viele Schriftsteller - von Camus über Nabokov und Javier Marias bis Nick Hornby - Fußball spielten oder sich für Fußball interessieren?
Also, Nabokov und Camus, die waren Torhüter! Und Torhüter sind keine richtigen Fußball-Spieler. Aber gut, es hat verschiedene Gründe, die meisten sind Fans, und das ist eine sehr leidenschaftliche Situation und hat auch mit der im Stadion empfundenen Nicht-Einsamkeit zu tun. Mein Standpunkt ist immer der des Spielers, also nicht der des Fans. Ich betrachte auch das Match als Spieler, nicht als Fan. Andererseits sehe ich dadurch weniger als die meisten Schriftsteller, weil ich alles, was um ein Spiel herum passiert, nicht sehe. Das Soziale interessiert mich ebenfalls nicht, weil mich nur das Spiel als solches interessiert. Schreiben ist eher eine einsame Tätigkeit, Fußball ist Teamwork.

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Wie passt das zusammen?
Das hat etwas mit dem Wir-Gefühl zu tun. Auf dem Weg zum Stadion ist man eine Masse, aber wenn wir im Stadion sind und unsere Mannschaft sehen, dann ist das ein Wir. Das ist etwas Schöneres, als in einer Masse zu sein. Beim Spiel wiederum ist das eine dialektische Beziehung zwischen dem Ich und dem Wir. Da sind große Stars in einer Mannschaft, aber niemand kann allein gut spielen, nur die Mannschaft kann es. Das ist ein schönes und merkwürdiges Verhältnis zwischen Ich und Wir. Das ist etwas anderes als bei der Arbeit in der Fabrik, dort muss man auch seine eigene Arbeit der Gemeinschaft geben. Aber beim Fußballspiel kann man das Ich bewahren, man soll es sogar, weil man dadurch etwas für die Gemeinschaft tun kann. Das kommt nicht sehr oft vor.

Wie kommt es, dass man nie von Malern oder Musikern hört, dass sie Fußball-Fans sind?
Maler und Musiker sind seriöse Menschen und sprechen nicht so viel! Sie melden sich nicht zu Wort. Dieses ständige Geschwätz über Fußball oder dass man Fußball als Metapher benutzt - als gewesener Kleinfußballer würde ich sagen, dieses intellektuelle Gerede ist manchmal für mich ziemlich verdächtig. Das ist Schönfärberei.

In Ihrem Buch spielen Sie mit dem Gedanken, was passiert wäre, wenn Ungarn das Endspiel 1954 gewonnen hätte: kein Aufstand in Ungarn, kein Wirtschaftswunder in Deutschland, keine Mauer, keine Wiedervereinigung. Könnte es sein, dass Fußball die Welt im Innersten zusammenhält?
Ich glaube, wenn man dem Fußball zu viel Gewicht bemisst, ist das ungesund. 1954, das war nicht ganz normal. Auch wenn Fanclubs zur Ersatzreligion oder zum Ersatz für das Leben werden. Obwohl: Wenn ich oberflächlich provokativ sein will, dann würde ich sagen, dass eher der Fußball als das Christentum eine gemeinsame Weltsprache ist. Auch in Peru sieht man einen jungen Menschen mit der Nummer 7 und der Aufschrift "Beckham". Er kann vielleicht noch das "Vaterunser", aber mit Sicherheit eher die Mannschaft von Barcelona aufsagen.

Sie schreiben im Buch, dass mit Ferenc Puskás - also Mitte der 60er Jahre - das Zeitalter des Spiels enden und das des Entertainments beginnen würde. Wie sehen Sie die Zukunft des Fußballs?
Es wird immer mehr ein Fernsehereignis. Im Fernsehen sehen wir viele Einzelheiten, aber wir sehen nicht das Ganze, und dadurch haben wir auch nicht dieses schöne Erlebnis, dieses Aha-Gefühl. Unser Fußballbild wird durch das Fernsehen geprägt, und es geht in die Zirkus-Richtung. Ich will nicht zu hoch formulieren, aber Fußball ist ein außergewöhnliches Spiel. Auch Basketball ist ein schönes Spiel, aber man kann dort sagen: Jetzt spielen wir "Variation 3". Im Fußball unvorstellbar, dass ein Zidane ruft: Jetzt spielen wir "3". Im Fußball ist alles ist viel komplexer. Und diese Komplexität macht den Fußball lebendig.

(Rheinische Post)