Buch-Kritik: Norbert Scheuer: Kall, Eifel

Buch-Kritik : Norbert Scheuer: Kall, Eifel

Dass es in der Eifel zwar provinziell, aber nicht unbedingt langweilig zugeht, beweist Norbert Scheuer mit seinem Buch "Kall, Eifel". In 45 feinfühligen Erzählungen beleuchtet Scheuer die beschauliche Welt des Mittelgebirges und macht sie zum Sinnbild der Welt hinter den Bergen. Aus der Beschreibung von Alltagsbegebenheiten webt der Autor einen Teppich aus Schicksalen, die dezent ineinander verwoben sind.

Sorgen und Nöte, Freud und Leid der Bewohner des Eifelörtchens Kall sind die Themen des 1951 geborenen Autors Scheuer. Liebevoll und doch distanziert berichtet er von normalen Menschen, die den Wunsch nach einer gerechten Portion Glück im Leben haben. Die Familie Arimonds betreibt eine Gaststätte, in der so manches Ereignis Anfang oder Ende findet. Der Gastwirtssohn Leo, ein alter Bekannter aus vorherigen Romanen von Scheuer, langweilt sich in der Provinz ebenso wie sein Freund Martin. Das verschlafene Städtchen Euskirchen ist der nächstgelegene Anlaufpunkt für Abenteuer, Köln wirft den Schatten des gefährlichen und unerreichbaren Molochs.

Für pubertäre Sperenzchen bleiben nur die Fischteiche des schrulligen, alten Malcholts, in denen die Jugendlichen ab und an wildern. Manch einer kehrt nach Jahren zurück, auf der Suche nach dem, was landläufig als Heimat glorifiziert wird, um schnell festzustellen: Die Sehnsucht war schöner als deren Erfüllung.

Braden, passionierter Steinsammler und unglücklich Liebender, bleibt und flüchtet sich in Alkohol, um der Tristesse zu entgehen. Vincentini ist Handlungsreisender für ein elektrisches Akupunkturgerät, mit dem er die Eifeldörfer heimsucht und Doro mit den unerfreulichen Jugenderinnerungen wünscht sich im fernen Düsseldorf zurück nach Kall, denn es ist nicht wirklich besser geworden, ihr Leben in der Stadt.

Scheuer porträtiert den Mikrokosmos deutscher Mittelmäßigkeit ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder gar absolute Übersichtlichkeit. Vielleicht muss man die Eifel und ihre Bewohner kennen, um beim Lesen der melancholischen Erzählungen die sanfte Traurigkeit erspüren zu können.

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