Stimme der Schwachen: Nobelpreisträgerin Toni Morrison wird 75

Stimme der Schwachen : Nobelpreisträgerin Toni Morrison wird 75

Frankfurt/Main (rpo). Toni Morrison erhebt ihre Stimme für die Schwachen. Die Schriftstellerin erinnert in ihren Büchern an die Sklaverei, prangert soziale Gegensätze und die Unterdrückung von Frauen an. Für ihre manchmal kompromisslose Haltung erntete sie auch Kritik. Doch spätestens mit der Verleihung des Friedensnobelpreises 1993 wurde sie zur Ikone der schwarzen Literatur. Am Samstag wird Toni Morrison 75 Jahre alt.

Der Grundstein für ihre fulminante Karriere wurde schon in der Kindheit gelegt. Die Eltern von Morrison, geboren als Chloe Anthony Wofford, waren Arbeiter im amerikanischen Mittelwesten. Doch in der Familie wurde die schwarze Kultur gepflegt, Erzählungen, Lieder und Volksmärchen gehörten zum Alltag. Morrison studierte Englisch und klassische Literatur an der Howard Universität in Washington und wechselte dann an die renommierte Cornell Universität, die sie 1955 abschloss.

Nach dem Studium unterrichtet Morrison zunächst an der Texas Southern und kehrte dann 1957 an die Howard Universität zurück, wo ihre ersten Geschichten entstanden. Sie heiratete den jamaikanischen Architekten Harold Morrison und bekam mit ihm zwei Söhne, Harold Ford und Slade Kevin. Doch die Ehe scheiterte und Morrison kehrte in ihrem Geburtsort Loraine zurück. Von 1965 bis 1983 arbeitete sie als Lektorin hauptsächlich für schwarze Literatur beim Verlag Random House.

Aus ihren Erzählungen wurde schließlich ihr erster Roman "Sehr blaue Augen", der 1970 erschien. Darin erzählt sie die Geschichte der kleinen Pecola, die sich nichts sehnlicher wünscht als blaue Augen. Es ist eine Beschreibung der Wut der Schwarzen gegenüber Weißen und des Hasses von Schwarzen gegen sich selbst. Nach dem zweiten Roman "Sula" folgte 1977 das viel gelobte Familienepos "Solomons Lied". Auch in "Teerbaby" (1983) konzentriert sich die Schriftstellerin wieder auf die Probleme der Schwarzen in Amerika.

Ihren fünften Roman "Menschenkind" siedelt Morrison im 19. Jahrhundert an und erzählt die Geschichte der schwarzen Sklavin Sethe, die auf der Flucht in die Freiheit versucht, ihre eigenen Kinder zu töten. Die jüngste Tochter stirbt, drei andere Kinder überleben. Jahre später steht eine junge Frau von ihrer Tür, die sich als ihre Tochter ausgibt. Für "Menschenkind" erhielt Morrison 1988 den Pulitzer-Preis für Literatur. Ihr nächster Roman "Jazz" schildert das Leben der Schwarzen im Harlem der 20er und 30er Jahre.

Völlig überraschend erhielt Morrison 1993 den Nobelpreis für Literatur zugesprochen. Das Nobelpreiskomitee erklärte in seiner Begründung, sie habe "durch eine Romankunst, geprägt von visionärer Kraft und poetischer Prägnanz, eine wesentliche Seite der amerikanischen Wirklichkeit verlebendigt".

"Schwarze haben keine Nationalität in diesem Land"

Gegen Morrisons Literatur wurde in der Vergangenheit der Vorwurf des Ethnozentrismus erhoben. "Ich bin keine amerikanische Schriftstellerin, Schwarze haben keine Nationalität in diesem Land", sagte sie 1998 der Zeitung "Die Zeit". Dem "Time"-Magazin erzählte sie von einer Erfahrung ihrer Kindheit. In der Schule habe ein kleiner Junge neben ihr gesessen, ein Sohn von Einwanderern, der kein Englisch gesprochen habe. Sie habe ihm das Lesen beigebracht. Später haben man ihm jedoch gesagt, dass sie eine Schwarze sei und er habe auf sie herabgeblickt. "Jeder Einwanderer wusste, dass er nicht ganz unten anfängt", sagte Morrison der Zeitschrift. "Er stand über mindestens einer Gruppe - und das waren wir."

Nach dem Nobelpreis wurde Morrisons nächster Roman in den Vereinigten Staaten mit Spannung erwartet. "Paradies" wurde bei seiner Veröffentlichung 1998 als das bislang beste Werk der Schriftstellerin gefeiert und sogar mit William Faulkners Arbeiten verglichen, den Morrison als eines ihrer literarischen Vorbilder bezeichnet. Ein Jahr später schrieb sie gemeinsam mit ihrem Sohn Slade ein Kinderbuch, "Die Kinderkiste", in dem die beiden die Einengung von Kindern in der modernen Gesellschaft kritisieren.

Zuletzt veröffentlichte Morrison den Roman "Liebe", in dem sie eine Familiengeschichte um den Besitzer eines Strandhotels in den 40er Jahren beschreibt. Sie erzählt die Lebensgeschichte zweier alternder Frauen ihres Hasses nach dem Tod des Mannes, den sie beide liebten. Erneut geht es um das Verhältnis der Geschlechter, um Macht, Gewalt und Liebe.

(ap)