Navid Kermani - der Geschichtsschreiber der Gegenwart

Denker, Essayist, Reporter: Navid Kermani - der Geschichtsschreiber der Gegenwart

Navid Kermani hat einen großartigen Band mit Reportagen aus dem östlichen Europa vorgelegt. In "Entlang den Gräben" schildert er eine Reise von Köln über das Baltikum und dann südlich bis über den Kaukasus und in den Iran. Ein Hausbesuch in Köln.

Da will man bei Navid Kermani klingeln, sieht den Aufkleber mit dem Zitat von Lars von Trier über dem Namensschild und denkt: Uff. "Erwarten Sie das Gute und das Böse", steht da. Und als man noch überlegt, was das denn nun wieder zu bedeuten hat und ob man jetzt wirklich drücken soll, taucht er in echt hinter einem auf und sagt sehr leise und sehr freundlich: "Hallo."

Navid Kermani: Denker, Essayist, Reporter und habilitierter Orientalist. Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Muslim, Deutsch-Iraner. 50 Jahre alt. Viele Menschen sehen in ihm jemanden, der ihnen Rat geben könnte. Einen, dem sie sich anvertrauen möchten. Kermani, der Ombudsmann einer unübersichtlichen Gegenwart.

Nur so zum Spaß sollte man mal nach den Themen googeln, zu denen er in den vergangenen Wochen befragt wurde: Krieg und Frieden, Norbert Lammert, Marcel Proust, Can-Schlagzeuger Jaki Liebzeit, Kurdistan, Saufexzesse im Karneval, Liebe im Allgemeinen.

Inmitten von Handyläden, Shisha-Bars und türkischen Geschäften

Im dritten Stock dieses unscheinbaren Hauses, das in Köln inmitten von Handyläden, Shisha-Bars und türkischen Gemüsegeschäften steht, hat er seine Arbeitswohnung. Ideen-Hauptquartier. Denk-Raum. Kein Elfenbeinturm allerdings.

Im Gegenteil. Man sitzt zwar vor Werkausgaben von Adorno und Goethe. Aber man hört die appetitlichen Geräusche des Kaffee-Aufgießens aus der Küche, entdeckt das lustige Mousepad, das wie ein Teppich aussieht, und blickt auf die divanartig ausgelegte Matratze mit dem rührend glatt gestrichenen Oberbett. Hier ist Leben drin. Das ist der Tower, von dem aus die Flugbewegungen der Gegenwart beobachtet werden.

Navid Kermani stellt dem Gast einen Kaffee hin und setzt sich. Er legt die Hände auf die Oberschenkel und schaut mit diesem Kermani-Blick. Er hat ein neues Buch geschrieben. In "Entlang den Gräben" schildert er eine Reise von Köln über das Baltikum und dann südlich bis über den Kaukasus und in den Iran. Eine Reise in den Osten, am Riss entlang, der sich durch Europa zieht.

Nah rangehen, empfindsam sein

Das ist ein wichtiges Buch. Wer Kermanis vorangegangene Reportagebände kennt, der weiß, dass er darin frühzeitig, hellsichtig geradezu, drohende Konfliktfelder benannte. Hier sind es nun Geschichtsvergessenheit, Rechtsruck und Nationalismus, die er als Bedrohungen des Projekts Europa herausarbeitet.

Kermani hat ein Unbehagen gespürt. "Viele Menschen denken sich: Wir wollen, dass alles so bleibt", sagt er. "Sie haben Angst vor der Veränderung. Und derzeit verändert sich sehr viel sehr schnell."

Er lässt diese Menschen zu Wort kommen, er besucht sie und spricht mit ihnen. Er erlöst den Einzelfall aus der objektivierten Geschichte der Zahlen und Daten. Er kann das: nah rangehen, empfindsam sein. Er ist ein guter Reporter, weil er die eigene Subjektivität reflektiert und nie belehrend ist. Er ist ein informierter Empathiker.

Er möchte die Welt hörbar machen

Es geht ihm nicht um Staaten und Nationen, sondern um Menschen. "Die Unmöglichkeit einander zu verstehen, das ist das Hauptproblem", sagt er. Er möchte dieses Problem lösen. Er möchte die Welt hörbar machen. Das Gute und das Böse.

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Kermani schildert in dem Buch auch seinen Besuch in Auschwitz. Dort muss er sich auf dem Rundgang für eine Sprache entscheiden: "Deutsch". In dem Moment habe er sich den Tätern zugehörig gefühlt und nicht den Opfern, schreibt er. Nicht durch Herkunft, sondern durch die Sprache und Kultur gehöre er dazu.

Das sei denn auch das spezifisch Deutsche an der hiesigen Leitkultur: "das Bewusstsein seiner Schuld, das Deutschland nach und nach gelernt und eingeübt hat".

Muss der Besuch in Auschwitz Pflicht werden für deutsche Schüler? "Man sollte ihn einbauen in Lehrpläne. Die sinnlichen Erfahrungen brechen weg. Aber die Rituale und Gedenktage werden nur dann als nicht leer empfunden, wenn sie angereichert sind durch sinnliche Erfahrung. Man braucht die konkrete physische Begegnung. Es macht einen Unterschied, ob Sie in Auschwitz waren oder nicht."

Odessa, Tiflis, Tschernobyl

Man wundert sich, wie nah uns die Orte sind, die Kermani bereist - und wie fern zugleich. Odessa, Tiflis, Tschernobyl. "In den 1920er Jahren war Deutschland eigentlich kein westeuropäisches Land", sagt Kermani. "Lesen Sie nur Thomas Mann, der die Differenz Deutschlands zum Westen betonte.

Die Hinwendung zum Westen nach dem Krieg war etwas Künstliches, aber auch Gewolltes. Sie wurde von den Westmächten und der Regierung Adenauer bewusst befördert, um Deutschland wegzubekommen von der eigenen Geschichte. So kam es zum großen Einfluss der westlichen Kultur."

Das sei gut gewesen, einerseits. "Andererseits hat es dafür gesorgt, dass die Schrecken des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust, die sich vor allem im östlichen Europa abgespielt haben, zwar als Wissen bewahrt, aber sozusagen aus unserem topographischen Bewusstsein getilgt wurden."

Kermani reist über Schlachtfelder und Gräber, und besonders eindrucksvoll ist die Szene im Kiefernwald in Paneriai nahe Vilnius. Eine gespenstische Idylle. So still. Im Boden ruhen die Toten des Krieges. Aber nichts, kein Schild oder Denkmal, gemahnt daran. Das sind die "Bloodlands", wie der Historiker Timothy Snyder sie genannt hat: die Killing Fields zwischen Deutschland und Russland. 14 Millionen Menschen wurden in den Territorien ermordet, die zwischen 1933 und 1945 unter deutscher oder sowjetischer Herrschaft gestanden haben.

Kein Wir oder Ihr

Kermani schreibt die Geschichte dieser Region auf und erkundet ihre Gegenwart. Er ist ein zeitgenössischer Herodot, er nennt Quellen, beruft sich auf das eigene Erleben und verleiht seiner Erzählung dadurch Kraft. Sie strotzt vor Unmittelbarkeit. Er trifft die Lehrerin Xenija aus Minsk ebenso wie die Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch. Er übersetzt Meinungen und Standpunkte, und er mahnt den Leser, den eigenen Blick zu revidieren. Es darf kein Drinnen oder Draußen geben, kein Wir oder Ihr.

Wie können wir die Errungenschaft Europa schützen? Er sei kein Politiker, wehrt Kermani ab. Dann überlegt er einen Moment - einundzwanzig, zweiundzwanzig - und sagt: "Es ist schön, dass es dort anders ist als hier. Es ist nicht erstrebenswert, dass wir alle gleich werden." Wieder Pause. "Wenn Europa gelingen würde, würden die Katalanen den Grund verlieren, warum sie eine Unabhängigkeit brauchen."

Vielleicht sind seine Reportagen das Hauptwerk dieses öffentlichen Intellektuellen. Sie ergeben eine Kulturgeschichte des Unmittelbaren. Man darf sie indes nicht als Ratgeber verstehen. Sondern als Übertragung der Gegenwart in Bilder. Keine Anweisung, bloß Anregung. Insofern ist Kermani ein Aufklärer. Er will alles zusammendenken. Mit allen zusammen denken.

Als man die Casa Kermani verlässt und auf die Straße tritt, kommt man noch einmal an diesem Zitat vorbei: "Erwarten Sie das Gute und das Böse." Es hat nun einen anderen Klang.

(hols)