Schriftsteller wird 85: Martin Walser und der Glaube

Schriftsteller wird 85 : Martin Walser und der Glaube

Zum 85. Geburtstag des Schriftstellers erscheinen gleich drei neue Bücher: zwei von ihm, eins über ihn. Die beeindruckendste Neuerscheinung ist Walsers Essay über die Rechtfertigung, eine virtuose Auseinandersetzung über den Glauben und die Literatur.

Welcher Autor ist an seinem 85. eigentlich so aktuell wie Martin Walser? Denn zur Rückschau gibt es bei ihm wenig Anlass, da zum bedenkenswerten Geburtstag gleich drei neue Bücher erschienen sind — zwei von ihm, eins über ihn, und allesamt lesenswert. Wobei das berückendste der drei — ein Traktat über die Rechtfertigung — insgeheim die Altersfrage zu stellen scheint. Nach seinem jüngsten Roman "Muttersohn" also wieder ein Werk, das sich dem Glauben stellt. Natürlich ist die Frage banal, und doch stellt sie sich aufdringlich: Hat das Alter den in Wasserburg geborenen und heute nebenan in Überlingen lebenden Martin Walser etwa gläubig, fromm gar werden lassen? Glaube als Alterserscheinung?

Was das nun wieder sei, fromm? — will Walser bei unserem Treffen wissen. Da wirft er seine Hände in die gut klimatisierte Luft der Hotel-Lobby, als wolle er lästige Grillen vertreiben. Ach was, ob einer fromm oder weltfromm oder was auch immer sei, das können doch immer nur die anderen sagen. Viel lieber erzählt Walser darum auch von den anderen. Vom frommen Schumacher Gierer im Dorf, den er als Kind stundenlang besuchte. Fromm war der, weil alles, was er tat, so wirkte, als tue er es für einen anderen. Und als Walser als junger Mann aus dem Krieg heimkehrte, hieß es, der Gierer habe sich unter den Zug gelegt. Und niemand schien sich darüber gewundert zu haben.

Auch sein Vater sei ein Frommer gewesen, sagt Walser, ein Weltfrommer. Ein Mann ohne gerichtete, normierte, zugehörige Frömmigkeit. Ein gelernter Kaufmann sei er gewesen, der ein Gebetbuch in Steno besessen habe. Das ist schon "zart pervers", sagt Walser und lacht dann herzlich. Viel mehr aber jetzt nicht über diesen Menschen, den er einen besonderen nennt.

Martin Walser sagt von sich, er sei ein Kirchgänger, einer, für den das Jahr erst mit dem Kirchenjahr schön wird. Und darauf käme es doch an, die Welt schöner und erträglicher zu machen, als sie ist. Und welche Ausdrucksgeschichte das Religiöse habe: Was in 2000 Jahren nicht alles geschrieben und gemalt und komponiert worden sei für ihn da oben!

Es spricht viel Sehnsucht aus seinen Worten. Und diese Sehnsucht versucht er gleichsam wieder mit Worten zu stillen. "Gott ist wahrscheinlich das reinste Wort", schreibt Walser. Und: "In Gott kommt Sprache zu sich selbst." Das sind diese Walserschen Überwältigungssätze. Man begegnet in seinem Rechtfertigungstraktat einer Sprachgewalt, die in all den Jahren des Wortschöpfens nichts an Kraft verloren hat.

Walser schaut sich eine Talkshow an und erlebt einen wortführenden Atheisten, selbstgewiss und offenkundig unangreifbar. Und was fällt Walser dann zu diesem Atheisten ein? Dass er "keine Ahnung" hat. Überrumpelungsworte. Und dann kommt eine Hinführung, die schon beim Lesen ihre Überzeugungskraft entfaltet: "Und wenn es Gott hundertmal nicht gibt, dieser Atheist hat keine Ahnung. Beweisen könnte ich das nicht. Aber dass es nicht genügt zu sagen, Gott gebe es nicht, ahne ich. Wer sagt, es gebe Gott nicht, und nicht dazusagen kann, dass Gott fehlt und wie er fehlt, der hat keine Ahnung. Einer Ahnung allerdings bedarf es."

Walser führt keine theologische Debatte zur Rechtfertigungslehre, die einst zur Kirchenspaltung in Deutschland geführt hat. Er spannt einen großen und virtuosen Bogen zwischen Kafka und Augustinus, Karl Barth und Friedrich Nietzsche. Sein Versuch über das einstmals gerechtfertigte Leben, von dem heute nur noch das Rechthaben und das Reizklima des Rechthabenmüssens übriggeblieben sind, atmet die Inspiration eines freien, unruhigen Geistes. Und wer Walser kurz vor dem 85. begegnet, spürt die forsche Wachheit, die den Alemannen immer noch an- und vorwärtstreibt. Ein von den Geistern seines Denkens und seiner Fantasie Getriebener.

Es gibt auch Geister der Vergangenheit, die es zu bändigen gilt, die der persönlichen, ganz und gar weltlichen Rechtfertigung bedürfen. Natürlich ist das seine Paulskirchenrede von 1998, in der er versuchte, vor der eingeübten "Lippengebetsroutine offizieller Gedenktagsreden" zu warnen. Wollte Walser damit etwa Auschwitz vergessen machen? Oder warnte er vor der Domestizierung unseres Gewissens?

Bis heute ist es ihm unmöglich zu verstehen, dass man ihm dafür Antisemitismus vorwarf. Das ist dann seine persönliche Rechtfertigung: Er, der 1964 wahrscheinlich als Erster von den Auschwitz-Prozessen in Frankfurt berichtete und der 1979 eine Ausstellung mit Zeichnungen von KZ-Häftltingen mit diesen Worten begann: "Seit Auschwitz ist noch kein Tag vergangen. Es gibt eine Zeitrechnung, in der man nicht diskutieren muss, ob Verbrechen verjähren oder nicht."

Walsers Rechtfertigungen, Bekenntnisse in eigener Sache, Lebensbekenntnisse also. Dazu gehören auch Zumutungen wie diese: "Zum Roman gehört eine Portion Weltfremdheit." Oder auch: "Ein Schriftsteller, wenn er halbwegs bei Trost ist, kann nichts anderes sein als ein Schriftsteller."

Geburtstage findet Walser irgendwie künstlich und eigenartig. Daheim habe man früher immer nur die Namenstage gefeiert. Na ja, und nun der 85. Sei's drum. Am Vormittag wird der Erwin Teufel nach Überlingen kommen, ein Politiker, den er sehr schätzt. Was Walser wichtiger ist: Im Herbst wird sein neues Buch erscheinen; eins, das aus "Muttersohn" und dem Rechtfertigungs-Essay eine Art Triptychon machen soll: "Das 13. Kapitel" — ein Glaubensroman diesmal in evangelischer Variante.

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(RP/sap)