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Leipziger Buchmesse: Wie erzähl‘ ich’s meinem Kinde - mit Buch oder App?

Leipziger Buchmesse : Wie erzähl‘ ich’s meinem Kinde - mit Buch oder App?

Weil die Leser von Morgen in Wahrheit schon die Leser von heute sind, sorgt man sich auf der Leipziger Buchmesse verstärkt auch um den Nachwuchs. Wobei eine Frage sich wie ein Graben durch die Diskussionen zu ziehen scheint - App und Buch?

Wenn Experten dann zu Rate gezogen werden, ist das folgende Ergebnis erwartbar: Es gibt kein fieses Entweder-oder, sondern nur ein angeblich versöhnliches Sowohl-als-auch. Kein Medium löst das andere ab; es gibt nur Ergänzungen an allen Ecken und Enden, die mal nützlich und mal weniger nützlich sein können.

Also Friede, Freude, Eierkuchen an der pädagogischen Medienfront? Ganz so rosig ist die beschworene Ko-Existenz nicht. So gibt es bei Apps durchaus Fragen des Jugendschutzes, die es dringend für die Zukunft zu beantworten gilt. Denn so leicht verständlich und von Kinderhand leicht zu bedienen eine App auch sein kann, so groß können die Gefahren des Missbrauchs sein. Besonders dann, wenn Apps auch mit externen und nur aufwändig zu kontrollierenden Links aufwarten, wenn es Werbung und In-App-Käufe gibt. Das zu klären ist wichtig, scheint mit entsprechenden Regelungen aber auch lösbar zu sein.

Eine andere Sache ist die — nennen wir sie mal: romantische Seite des Lesens. So warnt die Arbeitsgemeinschaft der Jugendbuchverlage vor einer permanenten Reizüberflutung der Nachwuchsleser durch Apps. Im Gegensatz zum digitalen Angebot hat ein Kinderbuch nach Meinung der Arbeitsgemeinschaft drei Riesenvorteile: Bücher hetzen die Leser nicht. Bücher tolerieren darum auch unterschiedliche Lesegeschwindigkeiten. Und Bücher verteilen keine Bonuspunkte.

Das zielt nicht nur auf die Lesesozialisation der Kinder, sondern deutet auch an, dass die Frage nach Buch oder App auch eine Erziehungsfrage sein könnte. So weist Michael Ritter, Professor für Deutschdidaktik an der Uni Halle-Wittenberg, darauf hin, dass gute Apps sich von allein erklären. Das ist eine Binsenweisheit, weil genau darin eine ihrer Stärken liegt. Für die Erziehung eines Kindes aber hat das weitreichende Folgen. Denn dank einer App bedarf es keiner zusätzlichen Vermittlung. Sie übernimmt die App quasi die Rolle der vorlesenden Eltern und ersetzt diese als Ansprechpartner. Das ist auf den ersten Blick bequem — allerdings eine Ruhe mit Verlusten. Weil Kinder eben doch gerne auf ihre Eltern schauen. Sie sind ihre Vorbilder. Und Bilderbücher stärken neben dem wohltuenden Gemeinschaftserlebnis auch diese wichtige Erfahrung. Eine App allerdings kann schlimmstenfalls die Brücke zwischen lesendem Kind und erklärenden Eltern einfach kappen.

Nicht zu unterschätzen ist — wie es die Wissenschaftler nennen — die habituelle Grunderfahrung mit Büchern. Spannenderweise gibt es erste Apps, die sich dem greifbaren Zauber von Büchern nicht entziehen wollen und diese daher nachzuahmen versuchen: indem sie eine digitale Illusion vom Buch herstellen. Wer manche Apps für Kinder bedient, wird beispielsweise überrascht vom Rascheln einer umgeschlagenen Buchseite.

Das alles sind Probleme, und keine kleinen. Aber dennoch sind es Luxusprobleme. Natürlich ist ein gutes Angebot von Büchern und Apps wichtig, noch wichtiger (und viel schwieriger) aber ist es, solche Medien in die Breite tragen zu können und wirken zu lassen. Nicht ganz so vornehm formuliert: Es müssen möglichst alle Bildungsschichten erreicht werden. Daran hapert es; die Begegnung mit spannenden Geschichten — ganz gleich mit welchem Medium — ist nach wie vor zu wenig Kindern vergönnt.

Weitere Tipps bietet die Stiftung Lesen an

(RP)