Buch-Kritik: Kirsten Fuchs: Die Titanic und Herr Berg

Buch-Kritik : Kirsten Fuchs: Die Titanic und Herr Berg

Hinter dem Titel "Die Titanic und Herr Berg" verbirgt sich vordergründig die Geschichte einer aussichtslosen Liebe. Eine junge Frau verfällt einem in die Jahre gekommenen Mann. Zugleich zeichnet Kirsten Fuchs in ihrem Debütroman das erschütternde Porträt einer kranken Kindfrau. Sie erzählt eine unter die Haut gehende Geschichte über Einsamkeit.

Tanja ist Anfang Zwanzig, allein lebende Sozialhilfeempfängerin, und sie schiebt einen trostlosen und leeren Alltag vor sich her. Peter Berg ist Sachbearbeiter im Sozialamt, wo die beiden aufeinander treffen. Für Tanja, die völlig weltfremd ihr Leben mehr träumt als gestaltet, ist es Liebe auf den ersten Blick. Für Peter, einen abgeklärten, von gescheiterten Beziehungen geschädigten Mittvierziger, ist die sich anbahnende Liebesaffäre eine willkommene, aber unverbindliche Abwechslung in einem öden Alltag.

Denn Tanja ist die ideale Geliebte: Hingebungsvoll erfüllt sie sämtliche sexuellen Bedürfnisse Peters, freut sich, wenn er kommt und meckert nicht, wenn er sich nicht meldet. Sie stellt keine Ansprüche, hat sie sich doch insgeheim das gemeinsame Leben als Paar schon in den buntesten Farben ausgemalt - jenseits jeder Realität, versteht sich.

Tanjas kindliche Emotionalität prallt immer wieder an der Gefühlskälte Peters ab, doch die junge Frau, die in ihrer frühen Jugend Schlimmes erlebt hat, steigert sich naiv und unbeirrbar in ihre Sehnsucht nach Geborgenheit hinein und ignoriert standhaft das Scheitern ihrer Bemühungen. Sie träumt ihren Traum von einer erfüllten Liebe über das bittere Ende hinaus.

Bemerkenswert an dem Roman der 1977 geborenen Autorin, die unter anderem als Journalistin arbeitet, ist der ganz eigene Ton, den sie für ihre in den Grundzügen alltägliche Geschichte findet. Abwechselnd aus der Sicht ihrer beiden Protagonisten schildert Fuchs den tragischen Verlauf dieser ungleichen Beziehung.

Was zunächst wie steife Wortakrobatik wirkt, erweist sich im Laufe des Romans als ein Schreibstil, der genau das spiegelt, was im Inneren Tanjas vor sich geht. Sie lebt in ihrer eigenen Welt, ist hochgradig psychisch gestört und traumatisiert. Dennoch hält sie Balance, indem sie sich ihre Wirklichkeit förmlich umtextet. Genau das sprachlich auszudrücken gelingt Fuchs in einer beeindruckend individuellen Art.

(ap)
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