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Juliane Zimmermann: "Wir stehen am Ende der Nahrungskette"

Interview mit Juliane Zimmermann : Zugbegleiterin: "Wir stehen am Ende der Nahrungskette"

Für das Buch "Der Teufel steckt im ICE" hat eine Zugbegleiterin skurrile Geschichten aus ihrem Alltag zusammengetragen. Wir haben mit der Frau, die ihr Buch unter Pseudonym schrieb, gesprochen.

Wenn es um die Deutsche Bahn geht, regt sich meist der Volkszorn. Auch die Zahl der Anfeindungen gegenüber Zugbegleitern ist laut Gewerkschaft der Lokführer (GDL) gestiegen; 93 Prozent der Schaffner sprechen von täglichen Beschimpfungen. Da mutet es fast merkwürdig an, wenn ein Buch mal nicht Hohn und Spott über den Konzern ausgießt, sondern das Bahnfahren eher liebevoll betrachtet. Trotzdem hat Juliane Zimmermann "Der Teufel steckt im ICE" (Bastei-Lübbe, 240 S., 8,99 Euro) unter Pseudonym geschrieben — die Mittvierzigerin, die mit ihrer Familie am Niederrhein lebt, arbeitet seit 20 Jahren als Zugbegleiterin und möchte den Job, den sie nach wie vor liebt, behalten.

Sie schreiben unter Pseudonym. Hatten Sie Angst, dass das Buch von der Bahn-Führung abgelehnt wird?

Zimmermann Eigentlich nicht, weil das Buch ja nicht negativ ist. Trotzdem muss ich das nicht haben. Man weiß nie, wie die Chefs darüber denken. Und ich möchte weiter als Zugbegleiterin arbeiten.

Haben Sie Reaktionen seitens der Bahnspitze gehört?

Zimmermann Bisher nicht. Das Buch ist vielleicht noch zu frisch. In Bahner-Foren im Internet wird es aber von Kollegen begeistert aufgenommen. Vielleicht, weil es anders ist - mal kein Bahn-Hasser-Buch.

Warum sind Sie Zugbegleiterin geworden und nicht Stewardess?

Zimmermann Ich habe höchstens zwei Tage hintereinander Dienst, das lässt sich noch verbinden mit der Familie. Als Flugbegleiterin ist das deutlich schwieriger.

Hatten Sie keine Sorge, täglich den Kopf für Kritik an der Bahn hinhalten zu müssen?

Zimmermann Damals, vor 20 Jahren, war das noch nicht so schlimm. Außerdem arbeite ich im Fernverkehr, da geht es entspannter zu als im Nahverkehr. Kegelclubs oder Fußballfans fahren eher mit dem Regiozug. Die steigen womöglich schon angeschickert ein und stänkern dann rum. Im Fernverkehr sitzen dagegen viele Berufspendler.

Ärgert es Sie denn nicht, dass sich Reisende wegen der Versäumnisse an Ihnen abreagieren?

Zimmermann Natürlich. Wir stehen am unteren Ende der Nahrungskette und kriegen das halt ab. Das macht mich auch betroffen, dass die Menschen nicht sehen, dass wir nichts dafür können. Es gibt auch Kollegen, die patzig werden. Ich versuche es mit einem Lächeln und einer Erklärung, wenn ich denn eine habe. Wer sich über mich beschweren will, kann das tun. Aber ich kann nichts dafür, dass der Zug verspätet ist.

Hat sich die Qualität der Kritik geändert? Wird man stärker angefeindet?

Zimmermann Das ist ja grundsätzlich so. Gehen Sie heutzutage mal zum Discounter. Die Leute haben schlechte Laune und werden schnell patzig. Das Motzpotential ist gewachsen, egal über was, die Schlange an der Kasse oder eben die Bahn.

Wo hat die Bahn Ihrer Meinung nach den größten Verbesserungsbedarf?

Zimmermann Es liegt vor allem am Geld. Einerseits muss gespart werden, um im Wettbewerb zu bleiben. Dabei müsste man mehr Geld ins Personal und in den Ausbau des Streckennetzes stecken. Außerdem ist der Beruf nicht attraktiv genug.

Warum nicht?

Zimmermann Weil es so viel Hetze gibt. Wer will denn heute noch Zugbegleiter werden? Da sagt doch jeder: Warum soll ich mich den ganzen Tag lang anmotzen lassen? Dabei ist das ja gar nicht so. Ich habe mehr schöne Arbeitstage und Begegnungen als schlechte.

Was muss eine Zugbegleiterin idealerweise mitbringen?

Zimmermann Nerven, gute Schuhe und die Fähigkeit, mit anderen Leuten umzugehen.

Sie sind während der Arbeit unter anderem Jesus und dem Teufel begegnet. Kann Sie überhaupt noch etwas schocken?

Zimmermann Nö. Eigentlich nicht. Vielleicht jemand mit einer Waffe. Aber das bleibt mir hoffentlich erspart. Man kennt seine Pappenheimer mittlerweile.

Gab es Situationen, die Sie ihrem Publikum nicht zumuten wollten?

Zimmermann Ja, vor allem Personenunfälle. Das sind die schlimmsten Sachen, die einem beruflich passieren können. Oder dass jemand im Zug stirbt. Das ist auch nicht schön.

Wenn Sie selbst verreisen, nehmen Sie dann auch den Zug?

Zimmermann Nein. Ich fahre mit dem Auto und dem Wohnwagen. Ich habe einen großen Hund, das ist ein bisschen schwierig.

Sie sprechen von der Magie des Zugfahrens. Bekommen Sie davon im Alltag überhaupt etwas mit?

Zimmermann Bei manchen Strecken auf jeden Fall. Am Rhein entlang, das ist schon eine schöne Strecke. Der Bahnhof hat generell auch was an sich — zumindest in manchen Städten. Ich finde das Zugfahren immer noch schön.

Jörg Isringhaus führte das Gespräch.

Hier geht es zur Infostrecke: NRW: Die ganze Liste der Bahn-Baustellen 2015

(isr)