Buch-Kritik: Joseph Kanon: Stadt ohne Gedächtnis

Buch-Kritik : Joseph Kanon: Stadt ohne Gedächtnis

Venedig ist nach dem Zweiten Weltkrieg eine Stadt ohne Gedächtnis. Das Leben geht einfach weiter und die Menschen tun, als ob es den Krieg nie gegeben hätte. Adam Miller trifft im Februar 1946 ein. Gerade wurde er aus der US-Army entlassen, für die er in Deutschland bei der Entnazifizierung geholfen hat. Seine Mutter will wieder heiraten - den angesehenen Arzt Gianni Maglione. Adam ist skeptisch, denn er glaubt, dass Maglione hinter dem Geld seiner Mutter her ist.

Vor einem Ball, auf dem sich alles trifft, was Rang und Namen hat, lernt Adam Claudia Grassini kennen. Er verliebt sich in die Jüdin, die einige Zeit in einem Lager verbracht hat. Am Ball kommt es zum Eklat: Claudia glaubt, in Maglione den Arzt zu erkennen, der ihren todkranken Vater an ein SS-Kommando verraten hat. Sie zerkratzt ihm das Gesicht. Und damit kommt der Krieg doch noch nach Venedig: Die Schatten der Vergangenheit holen die feine venezianische Gesellschaft und ihre ausländischen Gäste ein.

Maglione bestreitet die Vorwürfe. Kurz darauf verliert Claudia ihre Arbeit bei der Accademia und dann auch ihre Wohnung. Adam stellt mit Hilfe seiner Beziehungen zu den US-Untersuchungs-Behörden in Verona Nachforschungen an - und tritt damit eine Lawine los. Er trifft auf die alte Kommunistin Rosa, die ebenfalls ein Interesse hat, dass Maglione auffliegt. Diesem aber gelingt es mehrmals, die Bedenken Adams mindestens teilweise zu zerstreuen und Zweifel an den Aussagen Claudias und Rosas zu schüren. Er behauptet auch, im Krieg einen Partisanen gerettet zu haben.

Aber Adam spürt, Maglione würde ihn am liebsten tot sehen. Als der Arzt umgebracht wird, wird es für das Liebespaar gefährlich. Es arbeitet mit der Polizei zusammen. Die findet einen vermeintlichen Mörder, gegen seine Verurteilung hat aber Kommunistin Rosa einiges einzuwenden. Gelöst wird schließlich alles nach der besonderen Art: Jeder verrät jeden, jeder deckt jeden, jede Hand wäscht jede andere.

Kanon ist mit "Stadt ohne Gedächtnis" ein toller, spannender Thriller gelungen. Man liest mit Freuden die 500 Seiten, und man muss sie alle lesen, sonst versteht man den Schluss nicht. Aber nicht nur die Spannung macht das Buch zum Lesegenuss. Auch die Beschreibung der feinen venezianischen Gesellschaft - die über Dienstpersonal und eigene Boote am Canal Grande verfügt, die in La Fenice eine Loge hat, die in Palazzi wohnt, wo es für die Bälle und Empfänge noch immer den "piano nobile" gibt - ist außergewöhnlich gut gelungen. Gut zum Ausdruck kommt auch die allenthalben aufdringliche Dekadenz der Ausländer. Die Idee schließlich, im Buchdeckel einen Stadtplan mit den wichtigsten Schauplätzen zu drucken, erleichtert dem Leser die Orientierung.