Debatte um beliebtes Kinderbuch Jim Knopf verbannt das N-Wort – und das ist gut so

Meinung | Düsseldorf · Der richtige Umgang mit Sprache erhitzt die Gemüter. Jetzt hat der Thienemann-Verlag eine Entscheidung getroffen, die die Botschaft von Michael Ende in die heutige Zeit übersetzt. Doch so eindeutig das im Fall von Jim Knopf auch zu beurteilen ist, so kompliziert ist eine Bewertung bei anderen Büchern.

Diskriminierende Sprache: In diesen Kinderbüchern wurden Begriffe geändert​
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Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Sie faszinieren Kinder seit Jahrzehnten: die Abenteuer von Jim Knopf. Die Erzählung handelt von einem schwarzen Jungen, der eines Tages in einem Paket auf die Insel Lummerland gebracht wird. Dort leben unter anderem ein König, der Lokomotivführer Lukas und ein gewisser Herr Ärmel. Herr Ärmel sei „hauptsächlich Untertan“, der regiert werde, heißt es in dem Buch. Und er benutzt als Einziger das N-Wort.

Doch damit ist nun Schluss. Wie der Thienemann-Verlag unlängst bekannt gegeben hat, taucht das N-Wort in der Neuauflage von Jim Knopf nicht mehr auf. Die Entscheidung sei in Absprache mit den Erben von Autor Michael Ende und Illustrator Franz Josef Tripp getroffen worden. 64 Jahre nach Erscheinen des Buchs hat Herr Ärmel dazugelernt – und der Verlag eine Entscheidung getroffen, zu der ihm zu gratulieren ist. Er hat alles richtig gemacht.

Die Diskussion um Sprache ist heikel. Es gibt auf der einen Seite Bestrebungen aus dem linken Milieu, die Grenzen des Sagbaren strikter als bislang aufzufassen. Auf der anderen Seite sind es Rechte und Rechtsextreme, die die Grenzen des Sagbaren immer weiter verschieben wollen. Ihr parlamentarischer Arm, die AfD, ist ihnen dabei ein nützlicher Helfer. Klar ist: In den meisten Fällen sollte jedem selbst überlassen bleiben, wie er mit sprachlichen Fragen umgeht. Gendern oder nicht? Darüber entscheidet keine Sprachpolizei, sondern jeder und jede selbst. Und bevor sich Nostalgiker erregen: Wer die Originalausgabe von Jim Knopf bestellen möchte, kann das laut Verlag auch jetzt tun. Sie soll mit einem ergänzenden Nachwort weiterhin unverändert in Text und Bild lieferbar sein.

Umso richtiger ist es, dass die nun erschienene Neuausgabe auf das N-Wort verzichtet. Es gilt wie kaum ein zweites Wort der deutschen Sprache als abwertend und rassistisch. Mit ihm ist eine ganze Diskriminierungsgeschichte verknüpft. Das muss thematisiert werden. Nur ist ein Kinderbuch, das sich schon an die Kleinsten richtet, nicht das richtige Forum dafür. Daher ist es sehr viel klüger, das Wort zu streichen. Es tut der Botschaft von Jim Knopf keinen Abbruch – im Gegenteil.

Wahrscheinlich wäre die Änderung im Sinne Michael Endes gewesen. Dass er ausgerechnet Herrn Ärmel das N-Wort sagen lässt, spricht Bände. „Das N-Wort hat Michael Ende Anfang der 1960er-Jahre bewusst nur Herrn Ärmel in den Mund gelegt, um auf die fehlende Weltoffenheit dieses typischen Untertans hinzuweisen“, teilte der Verlag mit. Das mag in den 1960er-Jahren die richtige Botschaft gewesen sein. Im Jahr 2024 lässt sich dieser Effekt so aber nicht mehr erzeugen.

Auch an anderen Stellen hat Jim Knopf leichte Anpassungen erfahren. Statt „Indianerjunge“ werde nun zum Beispiel „Junge“ geschrieben, statt „Eskimokind“ „Inuitkind“. Die Zeichnungen von Jim Knopf wurden ebenfalls angepasst. „Es sind die dicken rosafarbenen Lippen und die schwarze Haut, die ohne Begrenzung in die schwarzen Haare übergeht, die in der heutigen Betrachtung und vor dem Hintergrund der Rassismuserfahrungen Schwarzer Menschen irritieren können“, hatte der Thienemann-Verlag erklärt. Auch eine Pfeife hat Jim auf dem Cover nicht mehr. In der Geschichte werde seine schwarze Hautfarbe außerdem nicht länger thematisiert, wenn sie nicht relevant für die Handlung ist. Das tut niemandem weh und hilft vielen. Es ist daher richtig.

Doch so eindeutig der Fall Jim Knopf auch ist, so vertrackt und vielschichtig sind ähnlich gelagerte Diskussionen um andere Werke. Ein Beispiel: die im vergangenen Jahr entbrannte Debatte um Wolfgang Koeppens „Tauben im Gras“. Das Buch ist eines der bedeutendsten Werke der Nachkriegsliteratur, es hat sogar den Ritterschlag von Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki erhalten. Wer diesen Roman nicht gelesen hat, solle nicht glauben, die deutsche Literatur nach 1945 zu kennen, sagte er einmal.

Trotzdem entbrannte im vergangenen Jahr ein Streit um das Buch. Eine Ulmer Lehrerin weigerte sich, das Werk wegen rassistischen Vokabulars im Unterricht zu behandeln. Eine Petition gegen die Pflichtlektüre erreichte in der Folge Tausende Unterstützer. Doch warum? Koeppen erzählt in dem Buch vom Klima der jungen Adenauer-Republik. Er thematisiert, dass viele zu dieser Zeit Fragen der Schuld verdrängten.

„Tauben im Gras“ spielt im rassistischen Nachkriegsdeutschland und erzählt die Geschichte von mehr als 30 Figuren, die zum Teil ebendiese Einstellungen haben. In Beschimpfungen taucht auch das N-Wort auf. Es ist eine Erzählung, in der die Protagonisten viel übereinander denken und wenig miteinander reden. Eine Geschichte ohne klare Hauptfigur und Helden. Und ohne ein gutes Ende. Nicht umsonst wird „Tauben im Gras“ der „Trilogie des Scheiterns“ zugerechnet.

Das alles ist ohne Frage schmerzhaft. Das 1951 erschienene Buch aber deshalb aus dem Schulunterricht zu verbannen, ist ein unverhältnismäßig drastischer Schritt. „Tauben im Gras“ ist ein lehrreicher Roman, obwohl er als Spiegel seiner Zeit rassistische Stereotype reproduziert. Der Unterschied zu Jim Knopf ist, dass man alle Problematiken dieses Werkes mit angehenden Abiturienten ausführlich besprechen kann, nein sogar besprechen muss.

Ein Buch wie Jim Knopf mit kleinen Kindern auf Rassismus hin zu untersuchen, wäre in der gebotenen Tiefe hingegen kaum möglich. Noch dazu wäre es Eltern nicht zumutbar. Durch die Entscheidung des Verlags ist es jetzt aber auch nicht mehr nötig.

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