Britischer Literaturpreis Jenny Erpenbeck gewinnt International Booker Prize

London · Zum ersten Mal hat eine Deutsche den renommierten International Booker Prize gewonnen. Die Ostberliner Autorin Jenny Erpenbeck teilt den Preis für das Buch „Kairos“ mit Übersetzer Michael Hofmann.

 Die Ostberliner Schriftstellerin Jenny Erpenbeck (“Kairos“) mit der Trophäe des International Booker Prize am Dienstag in London.

Die Ostberliner Schriftstellerin Jenny Erpenbeck (“Kairos“) mit der Trophäe des International Booker Prize am Dienstag in London.

Foto: AP/Alberto Pezzali

Die deutsche Schriftstellerin Jenny Erpenbeck hat den renommierten International Booker Prize gewonnen. Die Auszeichnung erhielt die 57-Jährige am Dienstagabend für ihren Roman „Kairos“, der sich um eine Amour fou - eine vertrackte und verhängnisvolle Liebschaft - zwischen einer jungen Studentin und einem älteren Schriftsteller während der letzten Jahren der DDR dreht. Den Preis teilt sich die Autorin aus Ostberlin mit Michael Hofmann, der ihr Werk ins Englische übersetzte. Hofmann wurde als erster männlicher Übersetzer mit dem seit 2016 verliehenen Preis ausgezeichnet. „Ich bin sehr geehrt“, sagte Erpenbeck bei der Preisverleihung am Dienstagabend in London.

Mit dem britischen International Booker Prize wird alljährlich ein fremdsprachiger Roman ausgezeichnet, der ins Englische übersetzt und im Vereinigten Königreich oder Irland verlegt wurde. Er gilt als Pendant zum Man Booker Prize für englischsprachige Literatur und ist mit 50.000 Pfund (rund 57.000 Euro) dotiert.

Der Roman dreht sich um die Liebesbeziehung zwischen einer jungen Studentin und einem sehr viel älteren, verheirateten Schriftsteller in den letzten Jahren der DDR in Ostberlin. Das von der gemeinsamen Liebe zu Musik und Kunst beflügelte Verhältnis der beiden geht jedoch in die Brüche, so wie auch der Staat um sie herum im Zerfall begriffen ist.

Mit „Kairos“ setzte sich Erpenbeck gegen Werke von fünf anderen Finalisten durch, die aus 149 eingereichten Romanen ausgewählt worden waren. Das Buch sei außergewöhnlich, weil es „sowohl schön als auch unangenehm ist, persönlich und politisch“, hieß es in der Begründung der Jury. Erpenbeck lade dazu ein, eine Verbindung herzustellen zwischen politischen Entwicklungen, die Generationen definierten, und einer zerstörerischen, sogar brutalen Liebesaffäre.

Die kanadische Autorin und Radiomoderatorin Eleanor Wachtel, die der fünfköpfigen Jury vorstand, hob Erpenbecks „leuchtende Prosa“ hervor, welche „die Komplexität einer Beziehung“ und die Atmosphäre Ost-Berlins beschreibe. „Es beginnt mit Liebe und Leidenschaft, aber es geht mindestens genauso sehr um Macht, Kunst und Kultur“, fuhr sie fort. Sie würdigte auch die Übersetzung durch Hofmann. Seine Arbeit fange die „Eloquenz und Exzentrizitäten“ von Erpenbecks Prosa ein.

Erpenbeck erklärte, der Fall der Berliner Mauer 1989 sei eine Idee der Befreiung. Sie habe interessiert, dass diese Befreiung nicht das Einzige sei, was in einer solchen Geschichte erzählt werden könne. Es gebe Jahre davor und danach.

Im vergangenen Jahr war der International Booker Prize an den bulgarischen Schriftsteller Georgi Gospodinow für den Roman „Zeitzuflucht“ gegangen.

(peng/dpa/AFP)
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