Interview mit Thomas Pletzinger über sein Dirk-Nowitzki-Buch

Nowitzki-Biograf Thomas Pletzinger : „Ich erstarre nicht in Ehrfurcht vor Dirk Nowitzki“

Sieben Jahre lang hat der Schriftsteller Thomas Pletzinger Basketball-Star Dirk Nowitzki intensiv begleitet. Ein Interview über Distanz und Nähe – und die Grenzen des Wissenkönnens.

Herr Pletzinger, sieben Jahre haben Sie Nowitzki quer über den Globus begleitet. Wie kam es dazu?

Pletzinger: Ich sollte 2012 für das ZEITMagazin ein Porträt über Nowitzki schreiben und bin dafür nach Dallas geflogen. Nach dem das Porträt dann erschienen war, kamen weitere Anfragen, und so hat sich sehr allmählich die Buchidee entwickelt. Schritt für Schritt. Das Buch ist praktisch das Endergebnis dieser siebenjährigen Reportagereise.

Nowitzki gilt als zurückhaltend, fast schüchtern. Weshalb hat er der Idee zugestimmt?

Pletzinger: Da gehört viel Geduld zu und sehr ausdauernde Kontaktarbeit. Ich bin da nicht hingefahren und habe gesagt: „Guten Tag, ich möchte ein Buch über Sie schreiben.“ Ich hatte erst mehrere normale Interview-Termine und so haben wir uns langsam kennengelernt. Wir sind ins Gespräch gekommen und haben mit den Jahren ein gewisses Vertrauensverhältnis aufgebaut. Die Idee musste auch bei mir erstmal reifen: Wie könnte man das erzählen?

Was braucht es, um Nowitzkis Vertrauen zu gewinnen?

Pletzinger: Ich glaube, wir haben uns einfach unterhalten und einen guten Draht zueinander gefunden. Man braucht vermutlich eine gewisse Ausdauer und auch einen etwas anderen Blick auf die Dinge. Dirk Nowitzki lebt ja nur zu fünf Prozent im Scheinwerferlicht, auf dem Feld oder bei öffentlichen Veranstaltungen. Wichtig ist, sich auch für die anderen 95 Prozent zu interessieren und auch dort spannende Dinge zu entdecken, die sich zu erzählen lohnen. Die Leute im Umfeld, die Abläufe, die Ansichten.

Sie leben mit ihrer Familie in Berlin, Nowitzki in Dallas. Dennoch haben Sie ihn immer wieder besucht und begleitet. Wie konnten Sie das bezahlen?

Pletzinger: Die Finanzierung eines so aufwändigen Projekts ist sehr kompliziert, klar. So ein Buch kann man nicht schreiben, wenn man nur einmal hinfliegt. Nowitzki und ich waren in China, in Slowenien, Polen, in vielen Ecken Deutschlands. Wir haben uns häufig in Dallas getroffen, ich bin zu Auswärtsspielen der Mavericks gefahren. Indianapolis, Los Angeles, San Francisco und Sacramento, wir sind echt rumgekommen. Ich hätte dieses Buch niemals ohne Unterstützer schreiben können. Ich habe die Reisen immer wieder mit Textaufträgen und Dreharbeiten verknüpft, und mein Verlag ist in Vorleistung gegangen.

Thomas Pletzinger: The Great Nowitzki. Kiepenheuer&Witsch, 512 Seiten, 26 Euro. Foto: KiWi/Kiepenheuer & Witsch

Wie viel Material haben Sie für das Buch gesammelt?

Pletzinger: Ich schreibe im Schnitt ein Notizbuch mit 160 Seiten pro Monat voll. Jeden Monat. Da standen Beobachtungen von Spielen drin, aber auch allerlei anderer Kram. Zusätzlich hatte ich über hundert Stunden Interviews, unzählige Fotos von den Reisen und Orten, um mir Szenerien und Details zu merken, dazu die ganzen Bücher und Berichte die man recherchiert und liest. Und nicht zu vergessen: 82 Spiele pro Saison und eine sehr, sehr lange Karriere. Bei soviel Material das Interessante vom Uninteressanten zu unterscheiden, das Besondere vom Alltag zu trennen, das ist tatsächlich eine logistische Herausforderung. Und dann ein Buch daraus zu machen.

Welchen Mehrwert bietet Ihr Werk?

Pletzinger: Das Buch ist eine subjektive Beschreibung der Welt Dirk Nowitzkis. „Wir können alles über die Fledermaus wissen“, hat Holger Geschwindner immer gesagt. „Aber nicht, wie es ist, eine Fledermaus zu sein.“ Ein Zitat von Thomas Nagel. Mein Buch tut nicht so, als ob es offizielle Geschichtsschreibung wäre. Es sind immer meine Eindrücke, ich beschreibe das, was ich sehe, höre und was mir erzählt wurde. Das Buch ist keine klassische Biographie. Die würde vermutlich versuchen, den Menschen Nowitzki eindeutig zu machen und zu sagen: So ist der Mann. Mein Buch ist eine Art Anleitung, um sich vorzustellen, wie es sein könnte, Dirk Nowitzki zu sein.

Wissen Sie das denn heute?

Pletzinger: Ich habe versucht, möglichst viele Kreise um ihn zu ziehen und so viele Perspektiven wie möglich auf ihn zu bekommen. Ich habe mit Wegbegleitern, Trainern, Mitspielern, Historikern, Fans und Freunden und Familie gesprochen. Und ich glaube, dass man in dieser Umkreisung dem Kern recht nahekommt. Man ahnt vielleicht, wer Nowitzki sein könnte. Aber ich habe keine definitive Antwort.

Wenn man einer Person des öffentlichen Interesses so nahe kommt, braucht es da eine besondere Sensibilität?

Pletzinger: Unsere Rollen waren uns immer bewusst, glaube ich. Ich war der Beobachter und er war der Beobachtete. Wenn wir diese Rollen verlassen haben und zum Beispiel in private Gespräche gedriftet sind, dann haben wir das mit Ansage gemacht. Es gibt einfach Momente und Gesprächssituationen, die sich nicht zur Nacherzählung eignen.

Gab es Grenzen? Bereiche, in die er Sie nicht gelassen hat?

Pletzinger: Natürlich. Aber das hat weniger mit ihm zu tun: Solche Grenzen haben wir alle, die meisten jedenfalls, und auch Nowitzki geht von einem gewissen Menschenverstand seines Gegenübers aus. Es gibt natürliche Grenzen, die zu überschreiten nicht sinnvoll wäre. Ich versuche ja nicht, boulevardesk möglichst viel Privates über einen berühmten Menschen zu kolportieren. Das ist nicht das, was mich an diesem Projekt gereizt hat. Ich wollte tatsächlich einen Menschen beobachten, der seine Sache sehr gut macht. Der etwas Besonderes erreicht hat. Ich will erklären, wie so etwas funktionieren kann und was die Anforderungen sind. Mein Buch ist eine teilnehmende Beobachtung seiner Welt.

Was war für Sie der Anreiz?

Pletzinger: Für mich war es faszinierend, den Menschen genauer zu betrachten, der mir von allen Sportlern am meisten bedeutet. Ich habe seine Karriere von den Anfängen bis zu seinem Karriereende verfolgt. Dirk Nowitzki spielen zu sehen, hatte für mich ein enormes emotionales Gewicht.

Und von Nowitzkis Seite?

Pletzinger: Er ist ein Mensch, der sich gerne gut unterhält. Der offen ist für andere Menschen und ihre Biographien – er ist interessiert. In seiner Welt sind sehr viele Menschen entweder Fans oder Gegner, und er hat einen sehr engen und ausgewählten Kreis an Menschen, mit denen er sich umgibt und diesen Leuten gegenüber ist er sehr offen und interessiert. Und ich glaube, wir hatten schon auch Spaß zwischendurch.

Würden Sie sich als Fan bezeichnen?

Pletzinger: Ich erstarre nicht in Ehrfurcht vor prominenten Menschen. Aber ich habe schon eine große Sympathie für Nowitzki und mich interessiert sehr, was er macht. Ich würde mich als wohlwollenden und parteiischen Begleiter bezeichnen. Ehrfurcht und Dauerbegeisterung sind bei der Arbeit ja eher hinderlich.

Also kein Fan, sondern ein Freund?

Pletzinger: Die Frage wird mir gerade ständig gestellt. Ich würde sagen, wir haben ein freundschaftliches Verhältnis, das aber über all die Jahre von dem erwähnten klaren Rollenverständnis geprägt war. Ich finde ihn sympathisch, und ich glaube, er kann mit mir auch etwas anfangen. Aber ob man das Freundschaft nennt: Keine Ahnung. Lassen wir auf uns zukommen.

Sind Sie erleichert, dass es jetzt vorbei ist?

Pletzinger: Ich bin sehr froh, dass das Buch endlich fertig ist. Ein Buch zu schreiben, ist für mich eine wahnsinnig schwierige Aufgabe, an der ich jedes Mal fast verzweifle. Aus so vielen Eindrücken ein tatsächliches Buch gemacht zu haben, ist ein großes Glück, und die Bilder des Fotografen Tobias Zielony sind fantastisch. Es geschafft zu haben, ist eine große Erleichterung. Aber das nächste Buchprojekt kommt bestimmt und dann muss man wieder diesen riesigen Berg rauf.

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