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Bildband "Iranian Living Room": Im Iran beginnt die Freiheit im Wohnzimmer

Bildband "Iranian Living Room" : Im Iran beginnt die Freiheit im Wohnzimmer

"Iranian Living Room" - der Fotoband gibt seltene Einblicke in das Innenleben eines autoritären Staates. Der Iran schottet ab, reglementiert und gibt seinen Menschen nur wenig Freiräume. Doch in den eigenen vier Wänden leben die Iraner auf engstem Raum ihre Freiheit aus.

Zwei Männer sitzen auf dem Boden, schauen gebannt in eine Richtung. Sie rauchen Wasserpfeife, und den Tee in ihren Tassen haben sie nahezu ausgetrunken — doch das, was diese beiden jungen Iraner in Unterhemd und kurzer Hose in den Bann zieht, ist in ihrem autoritären Staat untersagt: Sie sind eingetaucht in die Welt der Videospiele und Konsolen. Eine verbotene Welt, und doch eine reizvolle.

Das Foto der zwei Männer ist nur eines von vielen Eindrücken aus dem Gottesstaat, das der Fotoband "Iranian Livin Room" abbildet. Sie zeigen die Privatssphäre der Menschen im Iran. Erst hier, hinter verschlossenen Türen, können viele Iraner ihre ganz persönliche Freiheit ausleben. Für sie beginnt das Leben im Wohnzimmer. Es ist ein eingeschränktes Leben, das auch Gefahren birgt.

Verstörende Aufnahmen aus dem Wohnzimmer

Auf den Betrachter wirken viele der unverstellten Aufnahmen zum Teil verstörend: Wenn das Mädchen während einer religiösen Zeremonie eine Pistole auf einen kleinen Jungen richtet und fünf Frauen sich dabei unterhalten. Dass es sich bei der Waffe um eine Spielzeugmodell handelt, erfährt der Betrachter allerdings erst bei der Bildunterschrift.

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Herausgegeben wird das Buch von Fabrica, dem Zentrum für Kommunikationsforschung der italienischen Bekleidungsfirma Benetton. Die Aufnahmen, die 15 junge Fotografen gemacht haben, sollen das Bild einen anderen Iran vermitteln. Keine religiösen Zwänge, keine Reglementierungen. Viele der - gerade jungen - Iraner orientieren sich an den Werten des Westens. Zumindest im Verborgenen.

Draußen, auf den Straßen der hektischen und lauten Hauptstadt Teheran, wären die meisten Aufnahmen undenkbar. Daher möchte die Frau, die Ali Kaveh abgelichtet hat, auch anonym bleiben. Für eine Party hat sie sich schick gemacht und verkleidet. Verspielt posiert sie in einem weißen Kleid und mit Engelsflügeln vor der Kamera. Eine Maske verhüllt ihre Augen.

Erst um Mitternacht auf das Dach des Hauses

Ihr Haar können Frauen nur hier, in ihren Wohnungen, offen und unbedeckt tragen. Und so traut sich die 25-jährige Maryam nur im Schutze der Dunkelheit im kurzen Kleid auf das Dach ihres Hauses. In der Öffentlichkeit käme dies einem Tabubruch gleich.

In seinem Vorwort für den Bildband beschreibt der iranische Autor Hamid Ziarati: "Für die meisten Iraner ist das Wohnzimmer der einzige Ort, an dem sie ruhig atmen können, sich frei fühlen und auf ein besseres oder zumindest anderes Morgen hoffen können — es ist der einzige Ort, an dem sie träumen können."

Und manchmal leben sie ihre Freiheit sogar an der Öffentlichkeit aus. Ganz kurz. So wie Maryam auf dem Dach ihres Hauses.

Weitere Informationen zum Bildband "Iranian Living Room" gibt es unter http://store.fabrica.it.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Bildband "Iranian Living Room"

(nbe)