Mit dem Tod um die Wette schreiben: Herrndorfs "Sand" erhält Leipziger Buchmessenpreis

Mit dem Tod um die Wette schreiben : Herrndorfs "Sand" erhält Leipziger Buchmessenpreis

Wolfgang Herrndorf hat selbst lange Zeit nicht geglaubt, dass sein neues Buch fertig wird. Der Schriftsteller trägt einen tödlichen Gehirntumor. Der Roman "Sand", für den er den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt, ist sein erzählerisches Meisterwerk geworden. Der 1965 in Hamburg geborene Autor zeichnet eine unwirkliche Wüstenwelt voller Schmutz, Intrigen und Elend.

Selten hat man einen Thriller so nüchtern und gleichzeitig so lebhaft erzählt bekommen. 1972 in Nordafrika: Schauplatz der Handlung ist ein chaotisches und korruptes Land im Maghreb. In einer Hippie-Kommune mitten in der Wüste sterben bei einem Massaker einige Bewohner. Verantwortlich dafür soll ein Junge namens Amadou Amadou sein, der von den lustlosen Polizisten Polidorio und Canisades verhört wird. Schon bald geht es um einen Koffer voller DDR-Geld, hinter dem zwielichtige Gestalten her sind. Im Hafen landet unterdessen die hübsche Amerikanerin Helen Gliese, die vorgibt, Kosmetik-Produkte zu vertreiben. Ein Mann, der bei einer Übergabe niedergeschlagen wird, verliert sein Gedächtnis. Auf der Suche nach seiner Identität und einem geheimnisvollen Objekt gerät der Held in immer schlimmere Schwierigkeiten.

Komplexer Agententhriller

In Herrndorfs neuem Werk wird nach einigen verwirrenden Kapiteln klar: Als Leser ist man mitten in einem komplexen, ausgefeilten Agenten-Thriller gelandet. Nichts ist so, wie es zu sein scheint. Hinzu kommt in Herrndorfs Verwirrspiel der historische Hintergrund: Bei den Olympischen Spielen in München überfallen palästinensische Terroristen des "Schwarzen September" Mitglieder der israelischen Delegation. Im Palästina-Konflikt wächst fortan die Angst vor Waffen in arabischen Händen.

"Sand" ist ein kompliziertes Buch. Die Kapitel erinnern an Fragmente eines Mosaiks: Je mehr Teile man gesammelt hat, desto deutlicher wird das Gesamtbild. Geheimnisvolle Personen, Gegenstände und Situationen, um die sich ganze Szenen drehen, werden etliche Kapitel weiter nur am Rande geklärt. Das Lesen entpuppt sich bis zum Schluss als Detektivarbeit. "Sand" ist wie die Wüste - leicht kann sich darin verirren.

Deutlich wird einmal mehr Herrndorfs Vorliebe für absurde Figuren.
Geheimnisvolle Blondinen, durchgeknallte Spinner, exzentrische Greise, dümmliche Ganoven und weltzweifelnde Gesetzeshüter bevölkern "Sand". Manche Gestalten tauchen nur eine Szene lang auf und verschwinden wieder. Ihr Bild bleibt aber nach wenigen Sätzen beim Leser hängen.

Talent für Randgestalten

Bereits im Vorgängerbuch "Tschick" bewies Herrndorf sein Talent für Randgestalten. Der Jugendroman, der ein rastloses Unterwegssein in bester Holden-Caulfield-Manier - dem Helden aus J. D. Salingers "Der Fänger im Roggen" - zelebrierte, fand ebenfalls immer wieder Zeit für kleine, teils bitterböse Typskizzen. Zurecht gab es für diesen liebevollen Exkurs in jugendlichem "Scheiß Egal"-Denken etliche Auszeichnungen.

Mit Salinger ist Herrndorf oft verglichen worden - ein eher unglücklicher Vergleich, da er sich meist allein auf das Jugend-Thema kaprizierte. Wenn schon Referenzen bemüht werden müssen, dann wohl am ehesten zur Erzählkunst Thomas Pynchons, etwa im komplexen Buch "V". Dort schienen sich die Charaktere - wie nun bei Herrndorf - den Weg aus der Gedankenwelt des US-Autors geradezu erkämpft zu haben. So lebhaft schienen sie zumindest auf dem Papier.

Herrndorf selbst bleibt hinter seinem neuen Buch wieder mal größtenteils unsichtbar. Interviews gibt er nicht, nur sein Internet-Blog "Arbeit und Struktur" erteilt Auskunft, in dem er seit 2010 seine Tumorerkrankung verarbeitet.

(dpa)